„Es geht immer nur
19.04.2011 | 17:19 Uhr 2011-04-19T17:19:00+0200Rüthen.Da hat Lorenz Bohle mit seiner Hegegemeinschaft Arnsberger Wald einen Bock geschossen: Nach Bohles Kritik, es gebe doch gar nicht zu viel Wild in den Wäldern von Rüthen, Warstein und Brilon, tritt die Stadt Rüthen jetzt als förderndes Mitglied aus der Hegegemeinschaft aus.
„Verarschen können wir uns alleine“, sagt Bürgermeister Peter Weiken ganz undiplomatisch. Ihn ärgert eine „Unehrlichkeit“ auf Seiten der Jäger – und niemand anderes bilde schließlich diese Hegegemeinschaft Arnsberger Wald. Diese will in den Wäldern der drei Städte weniger als 300 Stück Rotwild gezählt haben: „Alles Unsinn“, meint Peter Weiken, „300 haben wir in Rüthen allein und weitere 300 laufen bei Manfred Gödde in Warstein herum“.
Lorenz Bohle verstecke sich hinter dem Titel der Hegegemeinschaft: Tatsächlich aber sei er ein „Wolf im Schafspelz“, nämlich ein Jäger, der ein Interesse an möglichst großen Wildvorkommen habe. Bohle ist selbst Jagdpächter des benachbarten Reviers in Brilon-Scharfenberg (das vor ihm auch schon Flick und Tönnies pachteten).
Der Streit hat viel mit dem Verhalten des Rotwildes zu tun: „Rotwild ist äußerst standorttreu“, sagt Andreas Goebel, Leiter des Rüthener Forstbetriebes. Und als Standort schätzt das Wild insbesondere eben die Rüthener Reviere, die der Unternehmer Karl Seibel gepachtet hat. Dieser hat auch – zur Erleichterung der Stadt Rüthen – zuletzt 38 Stück Rotwild geschossen, obwohl er nach den offiziellen Abschussplänen nur 28 hätte schießen müssen. Er hätte auch ohne Schwierigkeiten 60 schießen können, weiß man im Rathaus aus Gesprächen.
Mit harten Bandagen
Im Hintergrund wird zwischen Jagdpächtern mit harten Bandagen gekämpft, Weiken spricht von „Geheimdienstmethoden“: Da werden Kameras installiert, da wird sich auf die Lauer gelegt, um dem anderen Pächter unterstellen zu können, er füttere (verordnungswidrig) das Wild, um es am Standort zu halten. Insbesondere die Weibchen sind extrem standorttreu – und dorthin zieht es biologisch verständlich auch die Geweihträger. Und um sie dreht sich alles: „Es geht immer nur um den 1a-Hirsch, um den kapitalen Trophäenträger“, weiß der Bürgermeister. Er ist selbst Jäger. Und schon als Jungjäger habe er als erstes die Jägerweisheit gelernt: „Es ist schlimmer, den falschen Hirschen zu schießen als die Schwiegermutter.“
Niemand weiß, wie viel Wild tatsächlich im Wald lebt. Die Städte müssen sich auf Angaben der Jagdpächter und ihrer Förster verlassen. Kaum ein Jäger aber gibt zu, Rotwild in seinem Revier zu haben – schließlich macht das auch die Pacht teurer und weckt das Interesse anderer Jäger. Der Standardbegriff lautet: „Wechselwild“; Tiere, die quasi nur auf der Durchreise sind. Peter Weiken war im letzten Jahr selbst bei einer Treibjagd dabei – da wurde auch Rotwild geschossen; es hieß aber, das sei nur da, lacht Weiken, „weil nach Kyrill ein Zaun kaputt gewesen sei...“
Nur Zuwachs bereinigt
Als Jäger und aufmerksamer Spaziergänger kommt Weiken mit seinem Forstleiter aber auf rund 300 Stück Rotwild alleine in den rund 4000 Hektar Stadtwald. Verkraften könnte der Wald etwa 80 Tiere. Mit den 38 Tieren, die Unternehmer Seibel erlegte, sei gerade einmal der Zuwachs im letzten Jahr bereinigt worden, sorgt sich Andreas Goebel.
Denn im Rüthener Wild-Streit stehen sich handfeste Interessen gegenüber: Die der Jäger nach kapitalen Geweihträgern denen der Städte als Grundeigentümer. Peter Weiken gehört selbst dem Vorstand des Gemeindewaldbesitzerverbandes an. Und er hat den Forst als wichtige Einnahmequelle im Blick. Zwar nimmt allein die Stadt Rüthen (die ihren ganzen Wald verpachtet hat) auch 180 000 Euro durch ihre Jagdpächter ein. Zu viel Wild aber schadet dem Wald.
„Gerade nach Kyrill brauchen wir die Mithilfe der Jäger, um einen vernünftigen Wald zu bekommen“, sagt Förster Andreas Goebel. Eine Million junger Bäume hat die Stadt nach dem Orkan frisch gesetzt. Sie müssen eine Chance haben, sich entwickeln zu können. Gerade diese Pflanzen ziehen das Wild magisch an: „Was jetzt in jungen Beständen von dem Wild geschält wird, das macht sich durch seine Schäden erst in 50, 60 Jahren beim Verkauf bemerkbar.“
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