Ein Tor lädt zur Zeitreise in die Vergangenheit

Unsere Hauptstraße: Das Tor vom Hof Göke-Kaiser
Unsere Hauptstraße: Das Tor vom Hof Göke-Kaiser
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Der Hof Göke-Kaiser galt über Jahrzehnte als der schönste Bauernhof Warsteins. Viel ist nicht geblieben

Warstein.. Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, in die Vergangenheit zu reisen? Müsste man dafür ein Tor durchschreiten – es gäbe in ganz Warstein wohl keines, welches prunkvoller und farbenfroher zu einer Zeitreise einlädt als das des ehemaligen Hofes Göke-Kaiser. Es ist das Relikt eines Gebäudes, das einst als schönster Bauenhof Warsteins galt und das – wie so vieles in der Wästerstadt – dem Verkehr Tribut zollen musste.

Hof stünde heute auf der Range

„Hauptstraße 70“ lautete damals die Adresse, als Konrad Cramer und seine Frau Anna Maria Christine Hötte ihren Hof errichteten. „Damals“ – das war 1784, eine Zeit, an der gewiss niemand an die steigenden Verkehrszahlen keine 200 Jahre später dachte. Und so entstand der Hof des wohlhabenden Ehepaares auf dem Gelände der Familie Kaiser ziemlich genau dort, wo heute die Autos und Steintransporter ihren Weg in die Range nehmen. Stünde das Gebäude heute noch, wäre es gewissermaßen die Durchfahrt zur Range: Sämtliche Fahrzeuge, die rechts in die Range abbiegen wollten, würden mitten durch den Hof fahren, denn der Hof Göke-Kaiser stand unmittelbar neben dem heutigen Restaurant Göke – und damit direkt auf der heutigen Fahrspur die Range hinauf.

Für Konrad Cramer war dies kein Thema, als er nach seiner Heirat mit der wohlhabenden Anna Maria Christine Hötte den Bau seines Hofes begann. Der Sproß der Brauereifamilie hatte sich sein Erbe auszahlen lassen und baute seinen Familiensitz nun im Wästertal. Das stattliche Gebäude war Ausdruck des Wohlstands – und offenbar auch des Glücks, denn beim Stadtbrand 1803 blieb der Hof verschont. Die Verbindungen der Familie innerhalb Warsteins waren vielfältig: So heiratete Konrads Tochter Petronella einen Franz Göke und brachte damit den Namen „Göke“ in die Familie. Konrads Bruder Johannes indes war es, der zusammen mit seinem Sohn Caspar die Domschänke plante.

Ungewöhnliche Bauart

Der Hof von Konrad Cramer war jedoch nicht nur zu Lebzeiten seines Erbauers ein „Hingucker“: Die besondere Architektur des Gebäudes ließ schon früh die Experten aufmerksam werden. Wer die alten Fotos betrachtet, dem fällt es sofort auf: Das Gebäude scheint für seine Zeit ungewöhnlich hoch zu sein. Die „hohe Mitteltenne“, wie es fachlich richtig heißt, ist zusammen mit den zwei Längsschiffen und dem Gewölbekeller eines der herausragendsten Merkmale des Hofes Göke-Kaiser. Doch auch die schützen den Hof nicht vor der Verkehrsplanung der 1950er-Jahre: Die Stadt, die das Grundstück zwischenzeitlich erworben hatte, ließ den Hof 1954 abreißen, um Platz für eine breitere Kreuzung im Bereich der Haupt- und Rangestraße zu schaffen. Das Freilichtmuseum in Detmold hatte schon vorher großes Interesse an dem Hof gezeigt und ließ die einzelnen Bauteile des Hauses fachgerecht einlagern, um sie später wieder aufbauen zu können. Denn die Historiker sahen in dem Warsteiner Hof ein wunderbares Beispiel eines Ackerbürgerhauses in Form des niederdeutschen Hallenhauses. Wie dieses in sauerländischer Bauweise früher aussah, das wollte das Museum anhand des Gebäudes aus der Wästerstadt zeigen. Dazu sollte der Hof eigentlich in dem „sauerländischen Dorf“ auf dem Museumsgelände wieder aufgebaut werden. Doch dazu kam es nie. Die Balken erwiesen sich als zu porös, um wieder aufgebaut zu werden. Doch durch einen glücklichen Zufall blieb das imposante Hoftor nicht nur erhalten, seine Existenz wurde durch einen Tipp auch den Bullerteichfreunden bekannt. Und die setzen alles daran, zumindest dieses Erinnerungsstück an den einst attraktivsten Hof Warsteins zurück in die Wästerstadt zu holen.

Bullerteichfreunde holen Tor zurück

Im Januar 2012 war es soweit: Nach liebevoller Restaurationsarbeit durch die beiden Schreiner Christian und Willi Tüllmann wurde das Tor fast 60 Jahre nach dem Abriss des Hofes fast genau dort wieder aufgestellt, wo einst der Hof Göke-Kaiser das Stadtbild bestimmte. Zusammen mit den Informationen, die die Bullerteichfreunde auf einer kleinen Hinweistafel neben dem Tor anbrachten, ist sie seitdem wieder möglich: Die Zeitreise in Warsteins Vergangenheit. Nur durchgehen kann (und sollte) man durch das Hofftor nicht – sonst endet die Zeitreise mit einem lauten „Platsch“ in der Wäster.