Die Stuhldreiers machen den Ofen aus

Nehmen zusammen Abschied von der Bäckerei Stuhldreier: Das Stammpersonal aus dem Laden Angelika Röring, Magdalene Stuhldreier und Irmgard Ohrmann (von links).
Nehmen zusammen Abschied von der Bäckerei Stuhldreier: Das Stammpersonal aus dem Laden Angelika Röring, Magdalene Stuhldreier und Irmgard Ohrmann (von links).
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Seit über 160 Jahren gibt es in der Bäckerei Stuhldreier täglich außer sonntags frische Backwaren. Diese stolze Tradition geht mit dem Februar zu Ende. In der Nacht zum kommenden Samstag heizt Bäckermeister Franz Gerd Stuhldreier zum letzten Mal die Öfen an.

Rüthen..  Seit über 160 Jahren gibt es in der Bäckerei Stuhldreier täglich außer sonntags frische Backwaren. Diese stolze Tradition geht mit dem Februar zu Ende. In der Nacht zum kommenden Samstag heizt Bäckermeister Franz Gerd Stuhldreier zum letzten Mal die Öfen an. Aus gesundheitlichen Gründen muss er die Bäckerei, die von Beginn an ein Familienbetrieb ist, aufgeben.

Mit diesem Schritt schließt die letzte handwerklich betriebene Bäckerei mit angegliederter Backstube – und das nicht nur in der Kernstadt, sondern in der Gesamtgemeinde. Einen Trost allerdings gibt es für alle Kunden: Frische Backwaren gibt es im Ladenlokal an der Ecke Hachtorstraße/Mittlere Straße auch weiterhin. Die Bäckerei Redder, deren Stammhaus sich in Anröchte-Mellrich befindet, übernimmt das Ladengeschäft (siehe Zweitext). Bei diesem Betrieb handelt es sich um eine Bäckerei mit einer ähnlich langen Tradition und mit ähnlicher Geschäftsphilosophie, darauf habe man größten Wert gelegt, berichtet Magdalene Stuhldreier, die mit ihrem Mann Franz Gerd die Bäckerei seit 1988 führt.

Das Ehepaar bildet die fünfte Generation des Familienbetriebes, der sich seit 1853, dem Jahr in dem alles begann, immer an der selben Stelle befand. Einen Blick in die Geschichte erlaubt Renate Stuhldreier. Familienforschung ist ein Steckenpferd der 85-Jährigen, die bis zur Übergabe an die nächste Generation im Jahr 1988 die Bäckerei mit ihrem Mann Franz führte.

Gekauft von Friedrich Hilsmann

Abwechslungsreich gestaltet sich die Geschichte des Hauses und seiner Bewohner nicht nur deshalb, weil der Name Stuhldreier hier nicht von Beginn an eine Rolle spielte. 1853 kaufte nämlich Friedrich Hilsmann den damaligen landwirtschaftlichen Betrieb an der Hachtorstraße Nummer 13 und ergänzte ihn als Mann vom Fach um eine Bäckerei. Seine Tochter Auguste heiratete Josef Stuhldreier. „Er war jedoch Bürokrat und kein Bäcker“, berichtet Renate Stuhldreier in ihrer erfrischenden Art.

Die Produktion lag weiter bei Friedrich Hilsmann, seine Tochter führte die Geschäfte. Nach dem Tod Josef Stuhldreiers jedoch heiratete sie mit dem aus Wiedenbrück stammenden Konditor Josef Ortmeier einen Mann vom Fach. „Er brachte frischen Wind rein“, meint Renate Stuhldreier. Die landwirtschaftlichen Flächen wurden verkauft, die neben der Bäckerei betriebene Gastwirtschaft dem Trend der Zeit entsprechend um ein Café ergänzt. So liest es sich auch auf einer Postkarte aus jener Zeit mit einem „Gruss aus Rüthen“.

Erster Dampfbackofen in der Stadt

Obwohl aus der Ehe von Josef und Auguste Ortmeier, verwitwete Stuhldreier, fünf Kinder hervorgingen, war es Franz Stuhldreier, eines der drei Kinder aus erster Ehe, das 1918 in dritter Generation den Betrieb übernahm. Mit ihm wurde der Vorname Franz Teil der Familientradition. In geschäftlicher Sicht waren dessen Sohn Franz und Renate Stuhldreier 1955 an der Reihe diese fortzuführen. Schon vorher aber hatte es in der Betriebsausstattung eine kleine Revolution gegeben: „Mein Schwiegervater schaffte den ersten Dampfbackofen in Rüthen an. Damit konnten auch Brötchen, Weißbrot und süße Stuten gebacken werden“, berichtet Renate Stuhldreier.

Sie und ihr Mann sorgten indes für eine entscheidende Veränderung in der äußeren Gestalt des Anwesens. Während bis dahin der Laden rechts im bis heute in seiner Grundstruktur bestehenden Haus untergebracht war, errichteten sie 1963 im vormaligen Garten an der Ecke Mittlere Straße einen Anbau. Hier befindet sich das Geschäft bis heute. Magdalene und Franz Gerd Stuhldreier stockten ihn nur 1983 um ihre Wohnräume auf.

Die Nachfolgefrage hätte sich für sie sowieso früher oder später gestellt. „Wir haben keinen Nachfolger in der Familie“, berichtet Magdalene Stuhldreier. Beide Töchter haben sich beruflich völlig anders orientiert und leben auch nicht mehr in Rüthen. Eigentlich wollte es Franz Gerd Stuhldreier seinem Vater gleichtun und sich erst mit 60 Jahren zurückziehen. Die Gesundheit sorgt dafür, dass dies nun schon mit 57 bei stolzen 40 Berufsjahren der Fall ist.

Nachfolger mit Bedacht gewählt

„Wir wollten einen Traditionsbetrieb, der das Geschäft in unserem Sinn weiterführt“, betont Magdalene Stuhldreier. Dass dies gelungen ist, davon sind sie und ihr Mann überzeugt. „Wir sind erleichtert, es hängt ja auch viel Herzblut dran.“ Allen Mitarbeitern sei ein Angebot zur Übernahme gemacht worden, nicht alle aber hätten es angenommen. So verabschieden sich am 28. Februar mit Magdalene Stuhldreier selbst vom bekannten Team hinter der Kuchentheke nach vielen Jahren auch Irmgard Ohrmann und Angelika Röring. Ramona Bräutigam dagegen bleibt den Kunden erhalten.