Die Sprache als Schlüssel zur neuen Heimat

Victoria Libuda (Mitte) unterrichtet in ihrer Klasse auch fremdsprachige Kinder.
Victoria Libuda (Mitte) unterrichtet in ihrer Klasse auch fremdsprachige Kinder.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Über 150 Asylbewerber leben derzeit in Warstein. Viele von ihnen warten auf die Entscheidung ihres Asylverfahrens; sie wissen nicht, wie lange sie in Warstein wohnen werden. Eine schwierige Situation, vor allem für die Jüngsten.

Belecke.. Für die Kinder der Asylbewerber im schulpflichtigen Alter gibt es keine Ausnahmeregelung: Sie müssen die Warsteiner Schulen besuchen – größtenteils ohne Deutschkenntnisse. Allein an der Sekundarschule sind aus diesem Grund in diesem Schuljahr 14 Stunden als reine Sprachförderung ausgewiesen.

„Das haben alle Beteiligten schnell erkannt: Wir müssen hier alles tun, damit die Kinder sich wohlfühlen. Und da steht die Sprache an erster Stelle“, sagt Sekundarschulleiter Marcus Schiffer. Derzeit werden an seiner Schule im fünften Jahrgang drei Kinder unterrichtet, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Gerade für diejenigen, deren Familien Asyl beantragen, stellt sich die Situation schwierig da: „Sie kommen in ein fremdes Land, an eine fremde Schule, in eine fremde Kultur – und wissen noch nicht einmal, ob sie nun für immer hier bleiben. Das würde wohl jeder als Schock empfinden.“

Aus diesem Grund steht die Betreuung der Kinder von Asylbewerbern an der Sekundarschule unter einer ganz deutlichen Prämisse: „Wir gehen davon aus, dass jedes Kind bis zum Ende der zehnten Klasse bei uns bleibt“, erklärt Marcus Schiffer, „das kommunizieren wir dem betroffenen Schüler und seinen Mitschülern.“ Anders ließe es sich auch gar nicht arbeiten, meint der Schulleiter. Die Kinder bräuchten eine Grundsicherheit, um überhaupt erst einmal Fuß fassen zu können. „Auch für uns ist das wichtig. Natürlich haben wir im Hinterkopf, dass es passieren kann, dass ein Schüler aus der Klasse geht, wenn ein Asylantrag abgelehnt wird. Aber wir müssen uns auf den Menschen konzentrieren, den wir jetzt vor uns haben.“

Bildwörterbuch und Supermarkt

Wie das funktionieren kann, zeigt sich in der Klasse von Victoria Libuda und Stefan Hölter: Die beiden Pädagogen leiten gemeinsam die fünfte Klasse der Sekundarschule, in der sich die drei Schüler mit fremdsprachlichen Hintergrund befinden. Unter ihnen ist auch ein Kind aus einer Asylbewerberfamilie. Wie hilft man einem Schüler, der die Sprache seiner neuen Heimat höchstens rudimentär beherrscht? „Im Grunde muss man nur menschlich reagieren“, meint Victoria Libuda, „man merkt sehr schnell, wo die Kinder sprachlich stehen und darauf kann man aufbauen.“ Mit Zusatzmaterialien helfen sie und ihr Kollege den Kindern, die deutsche Sprache zu entdecken. Dazu nutzen sie die so genannten „SEGEL“-Stunden (selbstgesteuertes Lernen): Dreimal in der Woche arbeiten Libuda und Hölter in dieser Zeit mit den Kindern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Ein Bildwörterbuch kommt dabei ebenso zum Einsatz wie der Besuch im Supermarkt. „Dort geht es darum, die Dinge zu benennen, die in den Regalen stehen“, erklärt Stefan Hölter diese Art des lebensnahen Unterrichts. Und ihre Methode zeigt Erfolge – für alle Schüler der Klasse. „Wenn ein Kind Geburtstag hat, singen wir mittlerweile das Lied in allen Sprachen, die in unserer Klasse vertreten sind“, sagt Stefan Hölter.

Zusammengehörigkeit gestärkt

Das auf diese Weise entstehende Zusammengehörigkeitsgefühl sei deutlich spürbar. So würden vermehrt die deutschsprachigen Schüler der Klasse nach Bezeichnungen von Gegenständen in den anderen Sprachen fragen oder auch ganze Sätze lernen wollen. „Das ist genau das, was wir vermitteln wollen: Es geht nicht darum, dass die fremdsprachigen Kinder sich anpassen, sondern darum, dass wir alle zusammen eine starke Gemeinschaft bilden“, sieht Schulleiter Schiffer seine Philosophie bestätigt.

Für das kommende Schuljahr hat die Sekundarschule bereits Anträge auf zusätzliche Sprachförderstunden bei der Bezirksregierung Arnsberg gestellt. „Die Signale sind gut, das Problem ist erkannt“, ist Schiffer zuversichtlich, dass diese Stunden bewilligt werden. Denn nicht nur an der Sekundarschule rechnet man damit, dass weitere Kinder kommen werden, denen durch eine gezielte Sprachförderung geholfen werden kann, in ihrer neuen Heimat Fuß zu fassen.