Die letzte Inkarnation des Dalai Lama?

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Warstein..  Für die sechs Millionen Tibeter verkörpert der Dalai Lama noch immer die Hoffnung auf ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung. Am 6. Juli feiert das geistliche Oberhaupt der Tibeter, Tendzin Gyatsho, seinen 80. Geburtstag. Nun widmete der Publizist Klemens Ludwig ihm und der Zukunft der Tibeter einen Vortrag.

Der gebürtige Suttroper Klemens Ludwig war jahrelang Mitarbeiter der Gesellschaft für bedrohte Völker und entwickelte in dieser Zeit großes Interesse für Tibet. 1988 begegnete er zum ersten Mal dem 14. Dalai Lama. Seitdem hat Ludwig ihn immer wieder zu Exklusiv-Interviews und Audienzen getroffen.

„Tendzin Gyatsho wurde im Alter von zwei Jahren von Mönchen aufgefunden und zur Wiedergeburt des 1933 verstorbenen 13. Dalai Lama erklärt“, begann Klemens Ludwig seine spannende Zeitreise in die Welt des Dalai Lama, zu der sich rund zwei Dutzend interessierte Zuhörer eingefunden hatten. „Sieben Jahre später wurde er in Lhasa als 14. Dalai Lama inthronisiert“, ergänzte er.

Gyatshos Ziel als politischer Führer Tibets war es, in Verhandlungen mit der chinesischen Regierung echte Autonomie und Selbstverwaltung für Tibet zu erlangen. Allerdings war China an keinem Dialog interessiert. Im Frühjahr 2011 zog sich der Dalai Lama von allen politischen Ämtern in der Exilregierung zurück, blieb aber geistliches Oberhaupt der Tibeter.

Geliebt trotz Misserfolgen

„Obwohl er politisch nicht allzu viel erreichen konnte, faszinieren sich Tausende Menschen – auch im Westen – für den Dalai Lama. Er spricht die Massen an und wird geliebt, weil er Authentizität ausstrahlt: Er lebt, was er sagt“, beschrieb der Experte den 14. Dalai Lama.

Im Verlauf seines Vortrags erklärte Ludwig, dass sich der charismatische Botschafter auf die Zeit vorbereiten würde, die nach ihm kommen wird. „Es ist kein Tabuthema für das tibetische Oberhaupt, ganz im Gegenteil, der Dalai Lama beschäftigt sich intensiv mit dem Tod und den Perspektiven darüber hinaus“, so der Tibet-Kenner.

Diese Angelegenheit sei vor allem auch von großer politischer Bedeutung, denn tibetische Buddhisten glauben, dass die Seele eines verstorbenen Lamas im Körper eines Kindes wiedergeboren wird und somit ein Nachfolger beziehungsweise ein 15. Dalai Lama wiedergeboren wird, um Tibet zu befreien.

„Wiedergeburtenkontrolle“

Der Experte sieht allerdings die Gefahr, dass sich junge Tibeter angesichts der politischen Perspektivlosigkeit radikalisieren könnten. „Vor kurzem hat die chinesische Regierung geäußert, dass es eine Wiedergeburt oder Reinkarnation geben muss und das neue geistliche Oberhaupt nur in Tibet ,aufgefunden’ werden darf. Nach der Geburtenkontrolle praktiziert China nun auch die Wiedergeburtenkontrolle“, kritisierte der Publizist. „Der Dalai Lama erwägt, auf weitere Inkarnationen zu verzichten, um Kontroversen mit der chinesischen Regierung aus dem Wege zu gehen.“

Auch die Frage nach einem religiösen Nachfolger sei schwierig, da der Panchen Lama, die zweithöchste Persönlichkeit Tibets, vor 20 Jahren von China entführt wurde und bis heute verschollen ist. „China löste das Problem auf seine Art und suchte sich einen Panchen aus, der allerdings bei den Tibetern keine Akzeptanz findet“, so der leidenschaftliche Tibetkundler.

Trotz dieser möglichen künftigen Schwierigkeiten hofft der Dalai-Lama-Experte, dass die tibetische Kultur nicht ausstirbt und das Volk sich nicht allzu sehr von einer Person abhängig machen lässt.