Die Enklave im Wald lebt von ihrem Zusammenhalt

Hirschberg..  “Holländer sind hier im Sommer besonders viele zu Gast“, sagt Sophia Heppelmann (18). Ihre Vermutung: „Hirschberg ist so abgelegen und gilt deswegen als Erholungsort.“

Und damit hat die Schülerin recht. Denn ihr Heimatort liegt märchenhaft verschlafen vollkommen umgeben von Waldgebieten im Grünen. Selbst um nach Warstein zu gelangen, muss man sieben Kilometer durch den Wald fahren.

Deswegen verbringen die jungen Menschen auch viel ihrer Freizeit in ihrem Ortsteil. Gemeinsam mit Elena Wegener (21) und Gerrit Möhring (22) ist Sophia im Musikverein, sie kennen sich schon viele Jahre.

Vereinshochburg

Was sie allerdings nicht mehr kennen – zumindest nicht aus eigener Erfahrung – das ist Hirschberg als unabhängige Stadt, die es vor der kommunalen Neugliederung von 1975 noch gewesen ist. An einer Sache herrscht dennoch kein Zweifel: „Wir sind Hirschberger, keine Warsteiner. Dann kann man jeden hier fragen. Gerade die älteren Leute sehen das so.“

Das liege vor allem an den zahlreichen Vereinen im Ortsteil. Auch jeder der drei ist Mitglied in mindestens einem Verein. „Und wenn man noch alle Stammtische aufzählen würde“, gibt Elena zu bedenken, dann wären es noch einige mehr. Gesammelt sind alle Vereine mittlerweile unter einem Dach, denn aus der leerstehenden Grundschule wurde ein Vereinshaus gemacht.

Antrag angelehnt

Das ist einerseits natürlich sehr praktisch, weil jetzt jeder Verein seinen eigenen Raum hat. Andererseits macht der Gedanke Elena auch ein wenig melancholisch: „Es ist auch schade, weil wir ja selbst alle – und auch schon unsere Großeltern – hier zur Schule gegangen sind.“

Doch die Schule ist nicht das einzige, was in den vergangenen Jahren in Hirschberg die Pforten schließen musste. Das regt die jungen Hirschberger besonders auf: „In kleineren Ortsteilen wird eben eher etwas abgeschafft“, klagt Gerrit. Allerdings appelliert Sophia an den Zusammenhalt der Bevölkerung: „Wenn was geschlossen werden soll, dann sind die Hirschberger sehr aktiv und halten zusammen.“

Gebracht hat das im Falle der Schule nicht viel. Und auch beim Waldfreibad musste der dafür initiierte Verein, bei dem sich Elena engagiert, mehrere Rückschläge hinnehmen: Der Antrag auf Wiedereröffnung wurde zwei Mal vom Warsteiner Stadtrat abgelehnt. „Das Warsteiner Bad hat eben eine höhere Priorität“, gibt Gerrit zu bedenken und Elena pflichtet ihm bei: „Alles nur, damit das Allwetterbad überleben kann. Aber die Hirschberger fahren jetzt lieber an den See als dort baden zu gehen.“

Mit dem Waldfreibad verbinden alle drei viele schöne Erinnerungen, haben in den Sommerferien viel Zeit dort verbracht. „Da sind einige Freundschaften entstanden“, erinnert sich Elena.

Düstere Prognosen

Ihre Prognose für Hirschberg ist wenig positiv: „Bald folgt bestimmt die Turnhalle. Auch der Sportplatz ist renovierungsbedürftig. Schließlich ist er der letzte noch verbliebene Ascheplatz der Stadt.“ Die Orte, die sie bei der Tour durch Hirschberg zeigen, zeugen zu großen Teilen vom Verfall – ihre große Zeit liegt in der Vergangenheit. Dennoch fühlen sie sich alle drei ausgesprochen wohl in ihrem Ortsteil.

Das liegt vor allem an der Gemeinschaft: „Ich wollte hierbleiben. Ich bin ja in vielen Vereinen und hab mein eigenes Pferd. Das würde ich vermissen“, sagt Elena.

Und Sophia denkt an die Zeit nach dem Abitur: „Vielleicht gehe ich weiter weg zum Studieren, darüber hab ich schon nachgedacht. Aber ich will auf jeden Fall nach Hirschberg wiederkommen.“

Das Viereck

Positive Fleckchen fallen den Ur-Hirschbergern aber schnell ein. Da wäre zum Beispiel die Bermecke-Hütte, an der man bei einigen Kindergeburtstagen mit Gummistiefeln in den Bach gestapft ist. Oder auch das Kohlenmeilergelände mitten im Wald, auf dem alle paar Jahre die Köhlerwochen stattfinden.

Und auch beim schönsten Blick auf Hirschberg müssen sie nicht lange sinnieren: „Das Viereck“, sagt Gerrit amüsiert. Jeder Hirschberger wisse, welche Stelle er damit meint, von der man beste und vor allem auch freie Sicht auf den kompletten Ortsteil Hirschberg hat.

Und welcher Ortsteil wäre zweite Wahl, wenn sie nicht in Hirschberg wohnen würden? „Vielleicht Allagen oder Niederbergheim. Aber sicher nicht Warstein oder Belecke“, ist Sophia entschlossen. Die anderen beiden stimmen ihr zu, denn wie sie schon selbst über ihren Ortsteil sagen: „In Hirschberg sind wir eine große Gemeinschaft.“

Die zehn Punkte

Mit der Bitte, zehn Punkte für ihren Ort zu verteilen (siehe Tabelle) tun sie sich schwer. Insgesamt müssen es genau zehn sein, nicht mehr und nicht weniger. „Infrastruktur? Zum Überleben ist alles da, allerdings ist die Anbindung katastrophal. Ohne Auto oder Mofa kommt man hier nicht raus“, sind sie sich schnell einig.

Letztendlich entscheiden sie gemeinsam der „Identifikation“ nur zwei von höchstens vier Punkten zu geben, zu Gunsten von „Freizeit und Vereine“ und „Wohnen und Ortsbild“, schließlich bieten die zahlreichen Vereine jede Möglichkeit seine Freizeit zu gestalten und am Wohngefühl in Hirschberg gibt es ebenfalls wenig zu kritisieren.