„Die Blüte wird einen Hagelschauer abbekommen“

Warstein..  Ein neues Vergütungssystem, Kurzform PEPP, das bis 2023 bundesweit eingeführt werden muss, bringt für die LWL-Kliniken in Warstein und Lippstadt ganz erhebliche Veränderungen. Der ärztliche Direktor Dr. Josef Leßmann, Verwaltungsdirektor Helmut Bauer und Pflegedirektor Magnus Eggers erklären in einem Gespräch mit der WESTFALENPOST, auf was sich Mitarbeiter, aber auch Patienten einstellen müssen.

Was bedeutet das neue PEPP-Vergütungssystem konkret?

Helmut Bauer: Der Gesetzgeber will mehr Wettbewerb. Die Vergütung voll- und teilstationärer Krankenhausleistungen in psychiatrischen und psychosomatischen Einrichtungen befindet sich bis 2023 daher in einer umwälzenden Veränderung. Künftig werden Behandlungsfälle über Tagesvergütungen abgerechnet. Diese differenzieren nach Krankheitsfallgruppen und Schweregraden. Mit zunehmender Verweildauer der Patienten sinkt die Höhe der Tagesentgelte. Das ähnelt dem Fallpauschalensystem, bekannt unter dem Namen DRG, herkömmlicher Krankenhäuser.


Dr. Josef Leßmann: Das birgt natürlich eine gewisse Gefahr. Der Bundesverband der Nervenärzte und die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie (DGPPN) haben bereits darauf hingewiesen, dass die Versorgung chronisch Kranker unter dem neuen Abrechnungssystem leiden kann.
Bauer: Was wir garantiert nicht wollen, ist ein Hamsterradeffekt; also eine Mengendiskussion. Unsere Fallzahlen liegen jetzt schon an der Obergrenze. Mehr Erlöse durch mehr Menge sind der falsche Weg. Und es würde ja auch gar nicht funktionieren. Aktuell haben etwa zwölf Prozent der Bevölkerung psychiatrische Probleme. Diesen Wert kann man ja nicht so einfach auf 18 Prozent erhöhen.


Wie wollen Sie die angesprochenen Nachteile für die Patienten auffangen?
Leßmann: Wir müssen das schon differenziert aufgebaute komplementäre Versorgungsnetz weiter stärken und zum Beispiel mit einer Vielfalt von ambulanten Strukturen die Menschen auffangen, die etwa aus dem stationären Bereich zu früh entlassen werden.
Magnus Eggers:
Wenn wir die patientennahe Versorgung im ambulanten Bereich stärken, dann sorgt das auch für neue Betätigungsfelder. Das kann für den einen oder anderen Mitarbeiter durchaus die Chance zu attraktiven Veränderungen bieten. Eine Flexibilisierung der Einsatzorte ist dabei ebenso unumgänglich wie zum Beispiel Veränderungen von Stationsgrenzen.


Kann man schon abschätzen, wie sich das auf die LWL-Einrichtungen in Warstein und Lippstadt auf der Erlösseite auswirken wird?
Bauer: Wir rechnen für unsere Kliniken Lippstadt und Warstein mit einer schrittweisen Reduktion der Erlöse aus den abgerechneten Behandlungsfällen von etwa zwanzig Prozent. Das entspricht jährlich einem mehrstelligen Millionenbetrag.
Leßmann: Es wird bei der Einführung von PEPP Gewinner und Verlierer geben. Einrichtungen mit vielen Gebäuden, mit einer großen Infrastruktur – wie etwa großzügigen Parkanlagen – werden benachteiligt, weil diese Infrastruktur nicht mitfinanziert wird. Kleinere Kliniken mit nicht so vielen Gebäuden oder Grünanlagen sind da im Vorteil und haben dadurch den ein oder anderen Wettbewerbsvorteil. Dem versuchen wir mit intelligenten Veränderungen und Maßnahmen entgegenzuwirken, damit wir letzten Endes eben nicht zu den Verlierern gehören werden.
Bauer: Wir werden Strukturen zusammenfassen und zum Beispiel aus mehreren Gebäuden eines machen, wo dann auch die Abläufe neu und anders organisiert werden. An diesem Konzept arbeiten wir. Grundsätzlich stehen wir dabei aber auch einer Nutzung unserer Gebäude durch externe Partner offen gegenüber.


Das heißt, Sie stehen vor einer komplett neuen Grundausrichtung und müssen massiv in über Jahre und Jahrzehnte gewachsene und etablierte Strukturen eingreifen.
Bauer: So kann man es sagen. Aber damit stehen wir nicht alleine da. Jeder psychiatrische Krankenhausbetreiber muss seine Patientenversorgung und die damit verbundenen Personal- und Sachaufwendungen konzeptionell von Grund auf neu definieren und organisieren, um den Erlösrückgang abzufangen und gleichzeitig seine Investitionsfähigkeit zu sichern.
Eggers:
Um es deutlich zu sagen: Es müssen die Sach- und Personalkosten um mindestens zwanzig Prozent gesenkt werden. Dabei spielen der betriebene Gebäudebestand und die sich hieraus ergebenden Strukturen eine wesentliche Rolle.


Was bedeutet das konkret für die Mitarbeiter?
Eggers: Die konkreten Veränderungen im medizinisch-therapeutischen Bereich und im pflegerischen Bereich sind heute noch unklar. Aus diesem Grund erarbeiten wir bis 2016 ein Entwicklungs- und Umsetzungskonzept, das die PEPP-Auswirkungen bewältigt.


Wird es vor diesem Hintergrund Veränderungen im Personalbestand geben (müssen)?
Bauer: Aufgrund des Erlösrückganges sind Veränderungen im Personalbestand nicht vollkommen zu vermeiden. Dabei wollen wir alle Möglichkeiten ausschöpfen, die nicht in der direkten Nähe der Patientenversorgung liegen.


Das bedeutet, dass die Patienten von der PEPP-Einführung im besten Fall nichts merken?
Bauer: Wenn sie es merken würden, hätten wir etwas falsch gemacht.
Eggers: Das ist eine der wesentlichen Herausforderungen des neuen Systems: Die neue ökonomische Logik mit einer anhaltend hochqualifizierten Betreuung und Umsorgung der Patienten in ein harmonisches Gleichgewicht zu bringen.
Leßmann: Wir stehen hier vor der größten Veränderung der vergangenen zwanzig Jahre. Wir wollen auch in Zukunft eine gemeindenahe Psychiatrie-Versorgung und auch weiter differenziert aufgestellt bleiben und die verschiedenen Krankheitsbilder an beiden Standorten weiterhin behandeln. Und dennoch müssen wir prüfen, ob es nicht Sinn macht, den ein oder anderen Behandlungsschwerpunkt an einem Standort zu konzentrieren. Das werden Entscheidungen, um die wir nicht herumkommen.
Bauer: In den vergangenen Jahren haben wir unsere Behandlungsangebote auf hohem Niveau sehr differenziert nach den unterschiedlichen Krankheitsbildern ausgerichtet. Diesen Weg werden wir gezielt weiter gehen. Unser Vorteil dabei ist, dass wir grundsätzlich ganz hervorragend aufgestellt sind. Wir werden daher „nur“ die Gewichtung verschieben müssen; an diesen Lösungen arbeiten wir aktuell. Aber wir bitten dabei auch um Verständnis, dass wir noch nicht für alle Fragen Lösungen haben können.


Bei so viel Veränderungen und offenen Fragen ist eine gewisse Unruhe unter den Mitarbeitern nicht überraschend. Wie gehen Sie damit um? Wie nehmen Sie die Mitarbeiter mit auf Ihren Weg?
Bauer: Keine Frage, die Veränderungen durch PEPP sind umwälzend, weil die seit Jahren gewachsenen Strukturen und Abläufe auf Dauer zukünftig nicht mehr aus den Erlösen unserer Behandlungsangebote voll finanziert werden können. Daher ist die von Ihnen angesprochene Unruhe verständlich, auch weil wir noch nicht die fertige Lösung vorlegen können, sondern diese Schritt für Schritt mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erarbeiten. Ganz wichtig ist uns dabei eine hohe Transparenz; dass offen mit diesen wichtigen Themen, die alle hochdifferenziert sind, umgegangen wird.


Die nächsten Wochen und Monate werden für die Standorte in Warstein und Lippstadt offenbar spannend.
Leßmann: Ich will es mal mit einem Bild vergleichen. Wir haben in den vergangenen Jahren eine wunderbare Blüte erlebt. Das sage ich den Mitarbeitern auch immer wieder. PEPP bedeutet, dass diese Blüte nun einen Hagelschauer abbekommen wird. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, die Blüte möglichst zu schützen und etwaige Schäden gering zu halten.