Der lange Weg in eine hell scheinende Zukunft

Daniel und Akberet aus Eritrea wohnen bei den Spiekermanns in einer kleinen Zwei-Zimmer Wohnung. Sie haben eine lange und beschwerliche Reise auf sich genommen um nach Europa zu kommen.
Daniel und Akberet aus Eritrea wohnen bei den Spiekermanns in einer kleinen Zwei-Zimmer Wohnung. Sie haben eine lange und beschwerliche Reise auf sich genommen um nach Europa zu kommen.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Daniel und Akberet flohen aus Eritrea. Wie sie trotz vieler Herausforderungen nie die Hoffnung verloren

Warstein..  „Akberet, komm her, setzt dich hier hin. Akberet ist schwanger, sie ist die Prinzessin hier.“ Daniel sitzt in Warstein auf einem braunen Sofa, dass in einer Zwei-Zimmer-Wohnung steht. Die Wohnung, die liegt bei den Spiekermanns im Hinterhof. Karl und Karen Spiekermann haben ihn aufgenommen. Zusammen mit Akberet. Beide kommen aus Eritrea. Daniel wirft Akberet einen aufmerksamen Blick zu. Dann fängt er an zu erzählen. Zu erzählen, wie er und seine Frau es auf dieses Sofa geschafft haben, nach Europa.

Daniel in Eritrea. Eritrea ist ein kleines Land im Osten Afrikas. Es liegt zwischen dem Sudan und Äthiopien. Daniel weiß viel über die Geschichte seines Landes. Über den Krieg mit Äthiopien 1998, den er selbst miterlebte. Damals ging es um die Unabhängigkeit von Eritrea. Äthiopien schickte Truppen nach Eritrea. Ein Ende fand der Krieg erst 2000. Die Eritreer stehen noch immer unter der Herrschaft der ehemaligen Befreiungsarmee, werden oft willkürlich gefangen genommen, gefoltert, gemordet.

„4000 jeden Monat“, unterbricht Karl Spiekermann seinen Schützling. 4000 Menschen, die in die Nachbarländer flüchten. „Mittlerweile sind es noch mehr. 6000 flüchten“, sagt Daniel. Er studierte damals Meeresbiologie an der Universität. Doch die Regierung schloss die Fakultät. Sie schickte Truppen der National Security an die Universität, steckten die Studenten ins Gefängnis. „Wir wollten eine Reformation, mehr Freiheit. Das wollte die Regierung nicht“, sagt Daniel. Auch er landete im Gefängnis. Ein Gefängnis, nur ein Container, in dem die Menschen so nah beieinander eingepfercht wurden, dass sie keine Luft hatten und ins Koma fielen. Daniel konnte fliehen.

Im Sudan. „Dort ist das Leben sehr hart“, erinnert sich der Eritreer. Er lebte in einem Camp. Es fehlte an allem. Manche wurden aus den Camps geholt, in andere Länder geschickt. Beduinen hätten sich Menschen aus den Camps geklaubt, gefoltert und Lösegeld von den Verwandten gefordert. Hätten sie diese nicht gefunden, hätten sie die Organe der Opfer nach Ägypten verkauft. „Auch die Nachbarländer sind nicht sicher für uns. Unsere Reise musste weiter gehen.“ Weiter aus dem Sudan in die Sahara.

Kein Wasser in der Wüste

Auf einem Truck durch die Sahara. 16 Tage verbrachte er dort. Die Fotos die er gemacht hat zeigen Menschen bis zu den Knien eingesunken in den Sand. „Als uns das Wasser ausging, da habe ich meinen Urin getrunken. Zweimal! Ich hatte keine Wahl. Die meisten anderen Leute haben pures Benzin getrunken.“ Wenn Daniel das erzählt sieht er einem eindringlich in die Augen.

Er will kein Mitleid, denn seine Stimme klingt stark. Er will aufmerksam machen, seine Geschichte erzählen. Er findet Bilder im Internet. Bilder von Leichen aus der Wüste, die dem Organhandel zum Opfer fielen, achtlos verscharrt. Lange ist es still im Raum. Irgendwann findet Daniel seine starke Stimme zurück und erzählt. Von Libyen, einem schlechten Land und von Tripolis, wo sie auf ein Boot stiegen.

150 Menschen, viele Kinder und schwangere Frauen. Ein viel zu kleines Boot. Drei Tage und Nächte waren sie auf See. Irgendwann in der Nacht traf sie ein Containerschiff. Das Boot leckte. „Wir waren in einer schlimmen Situation, aber wir haben Tag und Nacht gebetet. Dass Gott unsere Probleme löst. Wenn viele Leute leiden und sie zu Gott beten, dann schickt er Stärke.“ Daniel sagt dass mit dieser festen starken Stimme. Als das Boot leckte, versuchte er Menschenrechtsorganisationen in Italien anzurufen. Niemand wollte etwas für die Flüchtigen auf See riskieren. Irgendwann kollidierten sie mit einem zweiten Schiff. „Die Hälfte der Leute hat gebetet. Aber die Italiener kamen und haben uns gerettet.“

Catania. Eine italienische Küstenstadt im Süden des Landes. Dort fühlten Daniel und Akberet sich zum ersten mal sicher. „Als wir Italien erreichten, schien unsere Zukunft hell vor uns. 90 Prozent unserer Probleme waren gelöst.“ Daniel hört nicht auf, an seine Heimat zu denken, auch wenn er nun hier in Sicherheit sitzt. Auf einem Sofa in Warstein, so unglaublich wie das auch sein mag. Aus einem Militärcamp in Italien flohen sie über Rom nach Dortmund, wo sie registriert wurden um dann auf die Kommunen verteilt zu werden.

Eine neue Familie

Hier in Warstein. „Karl Spiekermann hat sich für uns eingesetzt, unsere Probleme gelöst. Ich habe mich gefühlt wie in einer Familie. Es war wunderbar. Wenn ich glücklich bin, sind sie glücklich, wenn ich traurig bin, sind sie traurig mit mir.“ Sie, damit mein Daniel Karl und Karen Spiekermann, die er Mutter und Vater nennt. Er meint auch Gerrit Greiß, den er Onkel nennt. Für ihn sind sie seine neue Familie. Eine Familie, die sich um ihn kümmert, ihm hilft, mit der Ablehnung, die ihn und seine Frau oft treffen, fertig zu werden, sich in Deutschland unter Deutschen zurecht zu finden. Daniel ist dankbar. Einen sicheren Ort in Europa zu erreichen, dass war seine Vision. Jetzt schließt er die Sprachschule ab, sucht mit seiner Frau eine Wohnung, denn beide bekommen ein Baby. Noch ist seine Situation nicht leicht. Er kämpft mit Vorurteilen und Diskriminierung. Trotzdem schaut er voller Hoffnung in die Zukunft. Eine Hoffnung, die er auf seinem langen Weg nie verloren hat.