Dem Klassizismus eine Absage erteilt

Dechant Thomas Wulf und Ortsvorsteher Dietmar Lange in der Kirche St. Pankratius
Dechant Thomas Wulf und Ortsvorsteher Dietmar Lange in der Kirche St. Pankratius
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Dass die Pankratiuskirche als eine Art Schlüsselwerk der beginnenden Neugotik in Westfalen aufgefasst werden kann, die es auf die Titelseite einer dementsprechenden Veröffentlichung schaffte, erfreut Dechant Thomas Wulf und Ortsvorsteher Dietmar Lange gleichermaßen.

Warstein..  Dass die Warsteiner Pfarrkirche St. Pankratius wegen ihrer majestätischen Größe und ihres 86 Meter hohen Kirchturms auch viele Besucher Warsteins fasziniert und nach den Hintergründen ihrer Entstehung fragen lässt, ist oftmals anzutreffen. Dass sie aber als eine Art Schlüsselwerk der beginnenden Neugotik in Westfalen aufgefasst werden kann, die es auf die Titelseite einer dementsprechenden Veröffentlichung schaffte, erfreut Dechant Thomas Wulf und Ortsvorsteher Dietmar Lange gleichermaßen. Erstmals wird in dem im Bonifatius-Verlag Paderborn erschienenen Werk nicht nur die komplizierte und teilweise verworrene Baugeschichte dokumentiert, sondern auch die richtungsweisende Architektur gewürdigt, die hier zum ersten Mal die komplette Abkehr von der klassizistischen Bauweise zur vertikal orientierten Gotik verwirklicht, was mehreren und teilweise konkurrierenden Architekten zu verdanken ist.

Recherche im Stadtarchiv

Mehrjährige Forschungen beschäftigten durch sein Studium und seine persönliche Leidenschaft den Kunsthistoriker Dr. Dr. Norbert Aleweld mit dem Beginn der Neugotik in Westfalen, in dessen Rahmen er auch längere Zeit in dem Warsteiner Stadtarchiv und im Pfarrarchiv der St. Pankratius-Pfarrei arbeitete. Die schon vor Jahren erfolgten Forschungen ließen in ganz Westfalen die Interessierten gespannt auf die Veröffentlichung warten, die vor einigen Wochen erschien.

Baute man mit der ersten neugotischen Kirche in Borgentreich im Kreis Höxter bereits in den 1830er Jahren neugotisch, war man in vielen Bereichen Westfalens immer noch der klassizistischen Architektur, die von der Königlichen Regierung in Arnsberg favorisiert wurde, angetan. Seit dem Stadtbrand von 1802 hatte es in Warstein immer wieder Forderungen nach einem Kirchenbau im Herzen der Stadt gegeben, die 1838 durch die Gründung eines Kirchbaukomitees in eine realistische Phase eintraten.

Die Beteiligung von vier unterschiedlich orientierten Behörden und Einrichtungen – der Königlichen Regierung in Arnsberg, der Stadtvertretung unter ihrem Amtmann, der Pfarrgemeinde St. Pankratius und dem Bistum Paderborn – führten immer wieder zur Revision der Baupläne, die von Wegebaumeister Lücke über den Arnsberger Baudirektor Friedrich Kronenberg zu dem Mindener Regierungsbaumeister Franz Rembert Niermann und dem Paderborner Dombaumeister Clemens Uhlmann führten.

Während Kronenberg Pläne vorlegte, die trotz beachteter neugotischer Formensprache die Horizontalität des Baues betonte und damit in etwa eine Kirche für Warstein wie in Reiste oder Niedermarsberg entstehen lassen wollte, wurde der Baumeister Niermann 1852 eingeschaltet, der nicht nur für die Gründung des Fundaments im feuchten Gebiet des späteren Marktplatzes verantwortlich zeichnet, sondern auch die beeindruckende Formensprache der Neugotik in Fenstern, Pfeilern und Gewölben konzipierte.

Durchbruch der Gotik

Der durch dessen frühen Tod in Warstein tätig gewordene Diözesanbaumeister Uhlmann verbannte dann jedes flächig oder rundbogig aussehende Prinzip. Er ist für den vollendeten Durchbruch zur Gotik verantwortlich, indem er mit den Giebelhäusern zum Marktplatz und zur Westseite sowie dem eleganten Turmabschluss mit domartigen Ausmaßen eine vertikale Linie erschuf und damit durch die damals als typische christlich-katholisch empfundene Baukunst dem Rationalismus und Klassizismus eine Absage erteilte. Auch in Warstein hatten sich die Pläne Kronenbergs nicht durchgesetzt, weil sie „mehr evangelisch wie katholisch“ aussahen.

Wie neuartig dies war, zeigt sich an dem zeitgleich errichteten Bau der evangelischen Martin-Luther-Kirche am nördlichen Stadtausgang. Hier blieb man dem preußisch-klassizistischen Ideal des Kirchenraumes treu.

„In den mehr als zwölfjährigen Planungsarbeiten spiegelt sich der Wille der Stadt Warstein, der Kirchbaurepräsentanten, des Kirchenvorstandes, des Pfarrers, des Episkopats, zuvörderst aber der Baumeister Niermann und Uhlmann eine Kirche zu erbauen, die durch ihren gotischen Stil als „christliche Baukunst“ erfahrbar werden sollte“, so der Autor Dr. Norbert Aleweld zu den in Westfalen frühzeitig verwirklichten Bauideen.

„Die Grundstein-Urkunde im Pfarrarchiv dokumentiert diesen wohl alle Bereiche des gesellschaftlichen und kirchlichen Lebens in Warstein einnehmenden Prozess zur Mitte des 19. Jahrhunderts“, so Thomas Wulf und Dietmar Lange.