Bunte Tüten

Es gibt so Dinge, die vergisst man nicht. Geschichten, die Eltern ihren Kindern erzählen, haben so eine ganz besondere Strahlkraft, die oft über Jahrzehnte hinweg andauert. Möglicherweise ahnen Eltern es gar nicht, wie sehr sie ihre Kinder prägen.


Wie sehr meine Eltern dies bei mir geschafft haben, fiel mir erst jetzt wieder auf, als der Kollege für das ganze Team bunte Tüten mitgebracht hatte: Gummiherzchen, saure Stangen und Lakritze sorgten für Begeisterung – und weckten natürlich Kindheitserinnerungen.


Von der „gemischten Tüte“ für einen Groschen, von Mäusespeck und sauren Pommes. Und von der Warnung: „Trink’ niemals Wasser, wenn du gerade erst Gummizeug gegessen hast.“


Welches Kind hat es nicht ausprobiert, was mit einem Gummibärchen passiert, wenn man es über Nacht in Wasser legt? Ich habe es. Und deswegen war meine Grundeinstellung gegenüber Gummibärchen eher von Skepsis geprägt. Und natürlich habe ich niemals danach Wasser getrunken.


Bis zu diesem Montag.


Und prompt, 20 Jahre nach der elterlichen Warnung, schrillte eine Alarmglocke in meinem Kopf: „Jetzt wird das Weingummi in deinem Bauch riesengroß!“ Die Bedenken mit meinem Kollegen geteilt, stellte ich schnell fest, dass irgendwie alle so etwas mit sich rumschleppen: „Trink’ keine Cola, wenn du Brause gelutscht hast!“ „Geh’ nicht mit vollem Magen schwimmen!“ oder „Stell’ dich nicht vor die Mikrowelle, wenn sie läuft!“


Letzteres beeindruckt mich noch heute: Noch immer gehe ich daher äußerst ungern durch die Diele meiner Eltern, wenn die Mikrowelle läuft. Und die Gummistangen aus der bunten Tüte schenke ich meinem Bruder – der ist gerade in dem Alter, wo man Warnungen von Eltern zwar hört, sie aber im gleichen Moment wieder vergisst.


Also alles gut für die Gummibärchen, das Wasser, meinen Magen und die elterlichen Ratschläge. Zu Schokolade haben sie nämlich zu meinem großen Glück nichts gesagt.