Briefwechsel mit tödlichem Ausgang

Rüthen..  Im Zusammenhang mit der Verlegung erster Stolpersteine findet eine Lesung des bekannten Briefromans „Empfänger unbekannt“ im Haus Buuck statt. Das schon 1938 erschienene Werk der amerikanischen Autorin Kathrin Kressmann Taylor zeigt am Beispiel zweier ursprünglich befreundeter Männer, eines Juden und eines Nicht-Juden, die zerstörerische Wirkung des Nationalsozialismus auch im Kleinen auf. Die Lesung findet am Samstag, 20. Juni, um 20 Uhr statt. Es lesen Franz Kaps und Friedhelm von Meißner. Die beiden Akteure der Theatergruppe Jodocus waren zuletzt als „Sonny Boys“ in Rüthen zu erleben. Veranstalter ist der Kulturring, der Eintritt ist frei.

Fiktiver Briefwechsel

Bei „Empfänger unbekannt“ handelt es sich um einen fiktiven Briefwechsel aus den Jahren 1932 bis 1934. Zum Inhalt: Martin Schulze und Max Eisenstein leben nach dem Ersten Weltkrieg in den USA und führen eine gut gehende Kunstgalerie, sie sind Freunde und Geschäftspartner. Martin geht 1932 mit seiner Frau und den Kindern nach Deutschland zurück. Max bleibt in Amerika und betreibt die Galerie weiter. Der Abschied fällt beiden schwer. Nach ihrer Trennung schreiben sich die Freunde innige Briefe. Max versteht die Rückkehr des Freundes. Als er aber schreibt, dass er ein öffentliches Amt im Staatsdienst bekleidet und Karriere macht, wird seine zuvor nicht vorstellbare Veränderung unübersehbar. Man spürt das angepasste Mitläufertum und fürchtet um die Freundschaft, die schließlich zerbricht: Auf der einen Seite Max , der verzweifelt mahnt, auf der anderen Martin, der schließlich schreibt, dass es ihm unmöglich sei, noch länger „mit einem Juden“ zu korrespondieren.

Max bittet in seiner Not um Hilfe für seine in Berlin lebende Schwester Gisela, die Martins Geliebte gewesen war. Als Gisela durch Martins Mitschuld stirbt, rächt sich Max. Drei Monate später kommt der letzte Brief von Max an Martin zurück – mit dem Vermerk „Empfänger unbekannt“.

Diese Geschichte ist spannend und kurz, ein Ausschnitt der Lebensgeschichten zweier Freunde dokumentiert Zeitgeschichte. Die Wertung wird dem Leser überlassen. Der Jude ist nicht der Gute, das Opfer, das sich alles bieten lässt, sondern liefert den Mitschuldigen selbst ans Messer. Und der Deutsche ist kein sadistischer Bösewicht, sondern ein angepasster, karrierebewusster Mitläufer. Menschlichkeit spielt plötzlich keine Rolle mehr, auf beiden Seiten nicht.

Zerstörerische Wirkung

Dieser erfundene Briefwechsel zwischen einem in San Francisco lebenden Amerikaner und seinem ehemaligen, inzwischen nach Deutschland zurückgekehrten Geschäftspartner enthüllte zu einem frühen Zeitpunkt die zerstörerische Wirkung des Nationalsozialismus. Das Werk stieß auf großes Interesse. Als es als Buch erschien, verkaufte der Verlag eine Gesamtauflage von 50 000 Stück – eine für die damalige Zeit beachtliche Zahl. Filmproduzenten interessierten sich für die Rechte. Übersetzungen in andere Sprachen folgten. Die „New York Times Book Review“ urteilte: „Diese Geschichte aus heutiger Zeit ist rundherum gelungen. In literarischer Form wurde der Nationalsozialismus noch nie so wirkungsvoll angeklagt.“

Die Autorin, die ein so großes Echo hervorrief, war bis dahin unbekannt: Kressmann Taylor hatte von 1926 bis 1928 als Werbetexterin gearbeitet und sich danach ihren drei kleinen Kindern gewidmet. Empfänger unbekannt, so berichtete sie, sei aus dem Leben gegriffen und beruhe auf mehreren wahren Briefen. In vielen Gesprächen mit ihrem Mann Elliott habe sich dann die endgültige Form herausgebildet.

1992 druckte die Zeitschrift „Story“ in ihrer Sommerausgabe „Empfänger unbekannt“ noch einmal ab. Angesichts einer weltweiten Zunahme der Fremdenfeindlichkeit schien die gesellschaftliche Relevanz dieses Textes erneut unabweisbar. Die Neonazis im wiedervereinigten Deutschland, das Wiedererstarken des Antisemitismus in Osteuropa und die wachsende Popularität der selbsternannten Wächter der weißen Herrenrasse in den USA -- all das war ein dumpfer Widerhall der Vergangenheit.