Besondere Briefe

Erst gestern schrieb die Kollegin an dieser Stelle über den wenig erfolgreichen Versuch, ihr Bücherregal auszudünnen. In ihren Beschreibungen habe ich mich sofort wieder erkannt: Ich hänge sehr an meinen Büchern; es gibt keines in meinem Bücherregal, was ich einfach so hergeben könnte. Seit vergangener Woche ist ein ganz besonderes Buch hinzugekommen: Auf 120 Seiten befinden sich lauter Briefe. Auf den ersten Blick mögen sie völlig zusammenhanglos wirken, doch der Titel des Buches erklärt, warum der Autor sie abgedruckt hat: „Letters of note“ hat er diese Sammlung überschrieben, was übersetzt so viel wie „Briefe von Bedeutung“ heißt.


Der Abschiedsbrief der britischen Schriftstellerin Virginia Woolf an ihren Ehemann, kurz bevor sie Selbstmord beging, findet sich in dieser Sammlung ebenso wie die Bitte eines kleinen amerikanischen Mädchens an den damaligen US-Präsidentschaftskandidaten Abraham Lincoln, sich doch bitte einen Schnurrbart wachsen zu lassen, weil er damit ihrer Meinung nach bessere Chancen im Wahlkampf hätte. Die Abschrift des letzten Telegramms, das die Titanic vor ihrem Untergang absendete. Eine herzergreifende Erklärung einer jungen Mutter, die Ende des 19. Jahrhunderts ihr uneheliches Kind an der Pforte eines Klosters abgibt. Der letzte Brief der gefangenen schottischen Königin Mary Stuart an ihre französischen Berater, kurz bevor sie hingerichtet wurde. Charles Darwin, der seine Theorie des „Überleben des Stärkeren“ einem Botaniker-Freund mitteilt.


Ich könnte endlos so weiter machen und Ihnen hier weitere Beispiele von Briefen geben, die sich in diesem Buch befinden, denn ich bin völlig versunken in dieser Sammlung. Aber stattdessen schlage ich Folgendes vor: Schreiben Sie doch auch mal wieder einen Brief! Beim Blättern durch dieses Buch habe ich mich nicht nur gefragt, wann ich das letzte Mal einen Brief geschrieben habe; ich habe auch festgestellt, dass Briefe nach wie vor eine ganz besondere Form der Kommunikation sind. Sie haben etwas sehr Persönliches, Beständiges. Oder glauben Sie, dass in 50 Jahren jemand ein Buch mit der Sammlung der bedeutendsten E-Mails und SMS-Nachrichten herausgibt?