Berührende Klänge, die tief in die Seele dringen

Neujahrskonzert 2015 in der Neuen Aula in Belecke
Neujahrskonzert 2015 in der Neuen Aula in Belecke
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Einen schönen Anfang für das neue Jahr erlebten alle Kulturfreunde in der Neuen Aula in Belecke. Schon eine lieb gewordene Tradition ist es, dass die Camerata Europeana unter Leitung von Radoslaw Szulc hier ein berauschendes Neujahrskonzert präsentiert - mit so mancher Überraschung.

Belecke..  Zum Auftakt des Warsteiner Neujahrskonzerts am Sonntagmorgen begrüßte Vizebürgermeister Gregor Dolle freundlich das wartende Publikum im voll besetzten Saal der seit einem Jahr renovierten Belecker Aula. Herzlich bedankte er sich bei Berna Enste und Heribert Kaja für ihren arbeitskräftigen Einsatz im Vorfeld des Konzertes und bedankte sich weiterhin bei der Warsteiner Brauerei, der Paul Cramer Stiftung und der Sparkasse Lippstadt für die freundliche Unterstützung des Konzerts.

Zu Gast war, wie schon so oft in den vergangenen Jahren, die Camerata Europeana unter der Leitung von Radoslaw Szulc. Auf dem Programm standen drei Werke: die „Nussknacker Ouvertüre“, op. posth. von Sergej Tanejew (1856 - 1915), das Violinkonzert D-Dur, op.35 von Peter Iljitsch Tschaikowsky (1840 - 1893) und die Sinfonie Nr. 6, C-Dur, D589 von Franz Schubert (1797 - 1828).

Hebriden Ouvertüre

Die Mitglieder des Orchesters, darunter viele junge Menschen, kamen auf die Bühne, festlich gekleidet in individuell gestalteter schwarzer Garderobe. Dann betrat Maestro Szulc das Podium und verkündete mit leiser, innehaltender Stimme eine Programmänderung. Statt der „Nussknacker Ouvertüre“ würde die „Hebriden Ouvertüre“ von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 - 1847) zu Gehör gebracht. Die „Hebriden Ouvertüre“ entstand 1830, während der Komponist sich in Schottland aufhielt und eine Höhle in der Nähe von Schottlands westlicher Küste besichtigte, die Fingalshöhle. Dies ist die zweite Bezeichnung des Werkes, das Mendelssohn auch in die Noten schrieb. Aufmerksam folgten die Musiker des Orchesters ihrem Dirigenten, der routiniert und gekonnt die eher introvertierte und etwas düstere Stimmung der Anfangsphrasen gestaltete. Später wurde das Stück unruhiger, und man konnte sich die Wogen und Wellen der stürmischen See sehr gut vorstellen.

Schuberts Sinfonie füllte die Zeit nach der Pause mit „klassischer“ Romantik, in starkem Kontrast zu den vorangegangenen Romantikern Mendelssohn und Tschaikowsky. Der erste Satz erweckte Vorstellungen einer ländlichen Idylle samt Jagdhörnern. Der spritzige letzte Satz „Allegro moderato“ bleibt besonders in Erinnerung. Punktierte Rhythmen wurden schelmisch hin und her geschickt zwischen den Instrumenten, mal antworteten die Streicher, mal die Holzbläser – ein ausgelassenes Finale einer schönen Sinfonie.

Bewegende Sternstunde

Das Violinkonzert von Tschaikowsky mit dem Solisten Anton Barachovsky war allerdings der Höhepunkt des Tages und geriet zu einer bewegenden Sternstunde. Geboren in 1973 in Nowosibirsk, lebte er hier und erhielt Geigenunterricht, bis er mit 19 Jahren nach Deutschland kam, um an der Musikhochschule Hamburg bei Mark Lubotsky und Kolja Blacher zu studieren. Als Gewinner des „Young -Concert-Artist-Preis“ im Jahre 1997 erhielt er ein Stipendium der Juilliard School als Schüler von Dorothy Delay und Itzhak Perlman. Er ist Preisträger von zahlreichen Wettbewerben, hat internationale Konzerterfahrung und war von 2001 bis 2009 1. Konzertmeister des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg. Seit 2009 ist er 1. Konzertmeister des Symphonieorchesters des Bayrischen Rundfunks.

Gertenschlank mit vollem, dunklen Haar, durchdringendem, freundlichen Blick und bescheidener Haltung betrat Anton Barachovsky die Bühne, gekleidet in einenadretten hochgeschlossenen schwarzen Anzug.

Zuerst erklang das Vorspiel des Orchesters. Die Violine setzte ein mit dem kadenzartigen Anfang, der zum ersten Thema führt. Warm und weich, jedoch vollkommen präzise und tragfähig erklang der Ton und füllte den Saal mit überirdischer Wärme und reinem Klang, der zu Tränen rührte und tief in die Seele drang. Es ist weder möglich in Worten zu erklären wie so ein Zauber entsteht, noch wiederzugeben wie man ihn erlebt hat. Ohne jegliche Effekthascherei, schlicht und demütig, spielte dieser große Künstler, vollkommen im Dienste der Musik. Es war als ob er sein eigenes Ego vollkommen zurücknahm, um Platz zu machen für die himmlische Führung seiner Kunst.

Im Dienste der Musik

Wer dieses Spiel miterlebt hat, kann sich erinnern. Nach dem ersten Satz brandete spontan tosender Beifall auf, wie es in den Zeiten von Beethoven und Schubert üblich war, wenn die Musik einen ergriffen hatte, als es noch nicht als „Faux pas“ galt, zwischen den Sätzen zu klatschen. Durchweg spielte Anton Barachovsky mit makelloser virtuoser Technik, immer jedoch im Dienste der Musik, niemals als akrobatische Leistung.

Mit stürmischem Applaus bedankte sich das Publikum und Berna Enste dankte diesem außergewöhnlichen Musiker mit einem wunderschönen Blumenstrauß.

Auch nach der zweiten Hälfte des Konzertes gab es Blumen für den Konzertmeister und Radoslaw Szulc. Im Gegensatz zum letzten Jahr, wo man die Noten für eine eventuelle Zugabe „vergessen“ hatte, erklang als Dank zum wiederholten Male das „Air“ von Johann Sebastian Bach (1685 - 1750) in den hervorragenden akustischen Begebenheiten der Belecker Aula – ein schöner Anfang für das neue Jahr!