Bei Bauarbeiten ganzen Friedhof entdeckt

Lippstadt..  Es war vor zwei Wochen, als ein erschrockener Baggerfahrer im Rahmen von vorbereitenden Arbeiten für die Erweiterung eines Modehauses an der Soeststraße plötzlich einen Schädel in der Schaufel hatte. „Die erste Frage war, ist das ein Fall für den Staatsanwalt oder die Archäologen“, blickt Dieter Mathmann, Leiter des städtischen Denkmalschutzes, zurück. „Aber welcher Mörder setzt sein Opfer schon im Sarg bei?“ Nachdem die Bauarbeiter drei Skelette frei gelegt hatten, wurden die Baggerarbeiten gestoppt und den Archäologen das (Gräber-)Feld überlassen.

Als ein solches hat es sich herausgestellt, wie Professor Michael Baales, Leiter der Außenstelle Olpe der Archäologie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, berichtet. 47 Skelette haben die Experten inzwischen auf dem Gelände unmittelbar neben der Stiftsfreiheit geborgen. Bestattet sind die Toten alle fein säuberlich in Reih und Glied in Särgen, wenn auch manchmal zwei in einem. Was aber hat es mit diesem bislang unbekannten Friedhof auf sich, der nirgends verzeichnet und in der Vergangenheit mindestens einmal, wahrscheinlich sogar mehrfach überbaut war? Anders als üblicherweise Friedhöfe ist er nicht unmittelbar um eine Kirche angelegt und er könnte weitaus größer sein, als es durch die Grabungen festgestellt werden kann. Denn um die Bauarbeiten nicht unnötig zu verzögern, wird nur das noch freie Areal untersucht, der bereits aufgebaute Baukran wird dafür nicht wieder demontiert.

Tausende in Spitälern

Dieter Mathmann hat eine Theorie, die einige Jahrhunderte zurück in die Lippstädter Geschichte verweist. Seiner Ansicht nach könnte es sich um Franzosen handelt, die 1757 während des Siebenjährigen Krieges die Garnisonsstadt Lippstadt eingenommen und in großer Zahl besetzt hatten. „Die Verhältnisse der französischen Armee waren sehr kläglich“, berichtet Dr. Rober Chalybaeus in seinem 1876 erschienenen Buch über Lippstadt. Tausende seien in Spitälern gelandet und nie wieder gekommen, heißt es dort. Als ein solches könnte, so die Vermutung, das unweit des Gräberfeldes liegende Haupthaus des adeligen Damenstiftes gedient haben. „Die Toten wurden nicht auf den Kirchhöfen bestattet, schließlich waren sie ja Feinde, sondern hier“, meint Mathmann mit Blick auf das jetzt entdeckte Gräberfeld.

Die Annahme, dass es sich um Franzosen handeln könnte, die im Rahmen des Siebenjährigen Krieges nach Lippstadt kamen, stützen Erkenntnisse des Grabungsteams der Firma Archeonet, die es möglich machte, in der Kürze der Zeit dieses Gräberfeld auszuwerten und die Befunde zu sichern. Grabungsleiterin Ines Jöns berichtet, dass es sich überwiegend um Männer im damals wehrfähigen Alter zwischen 15 und 25 Jahren gehandelt habe. Beifunde können die These, dass es sich um Soldaten gehandelt haben könnte, indes kaum untermauern. Nur wenige Knöpfe und eine Gürtelschnalle wurden bisher entdeckt. Untypisch sei dies jedoch nicht, da die Uniformen möglicherweise vor der Bestattung an andere weiter gegeben wurden.

Professor Michael Baales setzt darauf, dass Gelder für eine anthropologische Untersuchung zur Verfügung stehen, die dann genauere Aufschlüsse geben, um wen und aus welcher Zeit es sich bei den Toten an der Soeststraße handeln könnte.