Aus Pocken-Angst 17 Tage lang eingesperrt

Pocken in Meschede und Warstein im Januar 1970.
Pocken in Meschede und Warstein im Januar 1970.
Foto: WP
Dr. Reinhold Scheef behandelte vor 45 Jahren einen der letzten Deutschen, der an Pocken erkrankt war. Daraufhin wird er 17 Tage in eine Quarantäne-Station gesperrt – und fast zum Schützenkönig.

Warstein..  Die Ereignisse, über die Dr. Reinhold Scheef spricht, liegen 45 Jahre zurück. Doch der pensionierte Mediziner kann sich noch genau erinnern, dass es ein Montag war, als Fritz Funke aus Suttrop seine Praxis betrat. „Er kam mit hohem Fieber in die Sprechstunde“, erzählt Scheef, „ich habe ihn untersucht und an der Haut keine Auffälligkeiten festgestellt.“ Drei Tage später stand fest: Fritz Funke hat die Pocken.

Aufgekommen waren die Pocken zuvor in Meschede. Ein 20-Jähriger hatte sich in Pakistan angesteckt, die Krankheit wurde aber nicht direkt erkannt. „Der erste Verdacht fiel auf Typhus“, erinnert sich Reinholds Bruder Winfried Scheef, ebenfalls Arzt, „denn der für Pocken typische Ausschlag kommt erst später.“ So konnte Klein im Walburga-Krankenhaus Patienten, Mitarbeiter und Besucher anstecken – auch Funke?

Reinhold Scheef schöpfte schon am Montag, 26. Januar 1970, Verdacht, doch in der Grippe-Saison war erhöhte Temperatur keine Seltenheit. „Ich habe ihm gesagt, dass er nicht in die Apotheke, sondern direkt nach Hause gehen sollte“, erzählt der Arzt, „er hat aber natürlich trotzdem erst die Medikamente geholt.“

Pusteln auf Händen und Fingern

Beim Hausbesuch zwei Tage später entdeckte Scheef erstmals kleine Pöckchen auf Funkes Haut. „Seine Mutter versicherte, dass er noch keine Windpocken hatte.“ So erschien eine Pocken-Erkrankung weiterhin unwahrscheinlich. Donnerstags traten die Pusteln dann an Händen und Fingern auf, waren nur ein- und nicht mehrkammrig – beides extrem ungewöhnlich für Windpocken. „Da alarmierte ich den Pockenspezialisten Professor Ippen und alles wurde in die Wege geleitet“, erinnert sich der heute 80-Jährige.

Der Steinbruchunternehmer Funke hatte wenige Tage zuvor seine Schwiegermutter im Mescheder Krankenhaus besucht, aber keinen Kontakt zum isolierten Bernd Klein. „Er muss sich durch den Luftzug infiziert haben“, mutmaßt Scheef. Über die Ausbreitungswege der Pockenviren war damals wenig bekannt, selbst über den Essensaufzug wurden sie im Krankenhaus verteilt.

Funke wurde zur Behandlung nach Wimbern gefahren. Alle, mit denen er seit Ausbruch der Krankheit in Kontakt stand, wurden in Quarantäne gebracht: Verwandte und Mitarbeiter, Dr. Scheef und dessen Angestellte, die Mitarbeiter der Apotheke und alle Patienten, die am gleichen Tag wie Funke in Scheefs Praxis waren – 130 Menschen.

17 Tage lang war Scheef im Erholungsheim der Zeche Viktoria im Bilsteintal untergebracht. „Das war auf kinderreiche Familien der Bergarbeiter ausgelegt“, erinnert er sich, „wir mussten uns das Zimmer zu dritt teilen.“ Vor der Tür patrouillierten Polizisten mit einem Wachhund, dass niemand das Gelände verlässt, andererseits niemand von außen den Bewohnern zu nahe kommt.

In den ersten Tagen war die Stimmung gut. Die Verwaltung schickte täglich fünf Zeitungen in die Quarantäne-Stationen, dazu Bücher und Gesellschaftsspiele. Über ein Telefon war zumindest etwas Kontakt zur Außenwelt möglich.

Eintöniger Alltag in Quarantäne

Am dritten Tag sprach Reinhold Scheef mit der WP-Redaktion. Er lobte die Küche, heißt es in dem Bericht: „Auf dem Magenfahrplan standen gestern Bratfleisch mit Bohnensalat und Kartoffeln. Zum Nachtisch gab es ,wunderbaren’ Himbeerpudding.“ Auch die Bevölkerung nahm Anteil. „Regelmäßig wurde Alkohol da hoch geschickt“, erzählt Winfried Scheef, der in Lippstadt praktizierte, nun aber seinen Bruder in Warstein vertrat.

Trotz der guten Versorgung behielt Reinhold Scheef die Quarantäne nicht in bester Erinnerung. „Wir haben den ganzen Tag Karten gespielt“, beschreibt er den eintönigen Alltag, „wenn ich daran denke, werde ich heute noch verrückt.“

Winfried Scheef hatte in der Zeit mehr zu tun, denn in Warstein lief eine große Impfaktion an. „Die Leute strömten zusammen.“. Tausende wollten sich gegen die Viren schützen, wenngleich die Impfung nicht unumstritten war. Der Impfstoff enthielt einen abgeschwächten Erreger, der Fieber verursachen konnte.

Da die Praxis über der Pankratius-Apotheke gesperrt war, richtete Winfried Scheef Behandlungsräume in seiner Privatwohnung ein. „Bei jedem fieberhaften Zustand musste ich mich komplett verhüllen“, muss Scheef lachen, wenn er an die unförmigen Schutzanzüge denkt, „das war einfach nicht praktikabel.“

Arzt mit kriminalistischem Eifer

In der Quarantäne bekam Reinhold Scheef von der Atmosphäre in Warstein wenig mit. Er ließ sich von „Wreden Anton“, Mitarbeiter Funkes und Schützenoberst, dazu überreden, in Warstein auf den Vogel zu schießen. „Ich habe das auch gemacht, aber daneben geschossen.“

Kurz vor Ende der Quarantäne kam dann ein Patient in Winfried Scheefs Sprechstunde – mit kleinen Blasen an Handrücken und Glied. Ein Abstrich bewies, dass es Pocken waren. „Es schien alles wieder von vorne anzufangen.“ Eine Nebenwirkung der Impfung konnte Scheef zunächst ausschließen, denn der Patient versicherte, nicht geimpft worden zu sein. Scheef wollte nicht an eine Neuinfektion glauben, ermittelte mit kriminalistischem Eifer. „Der Bruder des Mannes ließ sich impfen“, fand er heraus, „und beide haben nach dem Händewaschen dasselbe Handtuch benutzt.“ Auf diesem Weg ist der Erreger übertragen worden, Gefahr bestand nicht.

Dann war der letzte Pockenausbruch Europas ausgestanden. Vier Menschen fielen der Krankheit zum Opfer. „Das hätte ganz anders ausgehen können“, ist Winfried Scheef überzeugt. Wegen der bestehenden Vorbehalte gegen die Impfung seien viele nicht geschützt gewesen. „Wir saßen auf einem Pulverfass.“

EURE FAVORITEN IN DIESER STUNDE