Aus Mitte der Gesellschaft an Rand gedrängt

Fleischerei Pollack, Hachtorstraße, 1927.
Fleischerei Pollack, Hachtorstraße, 1927.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Jahrhunderte, seit dem Mittelalter, lebten jüdische Bürger Tür an Tür mit der christlichen Bevölkerung, waren vollkommen in die Gemeinschaft integriert. In der Zeit des Nationalsozialismus änderte sich dies gravierend.

Rüthen.. Die Feindlichkeit ergriff schleichend Besitz von Teilen der Rüthener Bevölkerung. Jahrhunderte, seit dem Mittelalter, lebten jüdische Bürger Tür an Tür mit der christlichen Bevölkerung, waren vollkommen in die Gemeinschaft integriert. In der Zeit des Nationalsozialismus änderte sich dies gravierend. Welchen Repressalien die jüdische Bevölkerung Rüthens in der NS-Zeit ausgesetzt war, referierte Dr. Hans-Günther Bracht bei seinem dritten VHS-Vortrag, der wieder auf breites Interesse stieß. Einen besonderen Fokus richtete er dabei auf die Familie Pollack. Seit dem 18. Jahrhundert lebte diese Familie in der Bergstadt.

Über drei Prozent der Bevölkerung, etwa 60 Personen, waren Mitte des 19. Jahrhunderts jüdischer Abstammung. Schon 1925 zählte die jüdische Gemeinde jedoch nur noch 25 Mitglieder – die großen Städte lockten mit besseren Bildungschancen.

Den Juden, die in Rüthen geblieben waren, ging es gut: Sie gehörten dem Mittelstand an, waren anerkannt. „Die Juden waren in Sprache und Kleidung angepasst, die Unterschiede zu der übrigen Bevölkerung waren marginal“, erläuterte Bracht. Beispielsweise war Helene Pollack 1926 Schützenkönigin.

Vieles änderte sich 1933 mit der Machtergreifung durch die Nazis – wenn auch schleichend. Auch in Rüthen hatte die NSDAP mit rund einem Drittel der Wählerstimmen starken Rückhalt. Bei der Reichstagswahl Ende ‘33 vereinte die Partei bereits 89 Prozent der Stimmen auf sich. Erste Boykottaufrufe gegen jüdische Geschäfte zeigten mäßigen Erfolg. Der Druck seitens der Partei wurde darauf verschärft.

Anfang ‘34 wurde ein Schreiben angeschlagen mit den Namen von 126 Rüthener Bürgern und dem Zusatz „Wer bei Juden kauft, ist ein Volksverräter.“ Parallel wurden auch in Meiste elf Bürger an den Pranger gestellt. Ein Jahr später legten die Stadt fest, dass Sympathisanten jüdischer Kaufleute von öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen waren. Damit wurde auch das Leben für diese Händler schwerer – nicht nur, dass Aufträge ausblieben, bei Herzheim & Stern und der Fleischerei Pollack gingen auch Fensterscheiben zu Bruch, Luft wurde aus Autoreifen gelassen. Hausdurchsuchungen waren Gang und Gebe.

Norbert Pollack wurde 1937 die Viehhandelserlaubnis, und damit die Lebensgrundlage, entzogen. Da er weiter Handel trieb, regte Bürgermeister Pöggeler an, ihm den Führerschein zu entziehen, um Pollack besser überwachen zu können.

Bürokratische Entrechtung

Verfolgungen und Diskriminierungen trieben die jüdischen Rüthener aus der Stadt. Sie zogen weg oder bemühten sich um eine Ausreiseerlaubnis. „Das war keine einfache Entscheidung, die Heimat zu verlassen“, so Bracht. Hinzu kam, dass den Juden ein Großteil ihres Vermögens, etwa durch die Reichsfluchtsteuer, weggenommen wurde. Doch gab es keinen anderen Weg des Entrinnens.

Ein Höhepunkt der Gewalttaten war die Pogromnacht, die in Rüthen am 10. November 1938 durch SS-Schergen ausgelöst wurde. „Das war keine spontane Aufwallung, sondern eine Inszenierung.“ Angst und Hilflosigkeit dominierte bei der jüdischen Bevölkerung. Bei Hausdurchsuchungen wurden Wertgegenstände konfisziert. Die jüdischen Familien mussten ihre Häuser verkaufen.

Schließlich blieben nur die ganz alten, die jungen und armen Juden in Rüthen. Bei diesen wurde die bürokratische Entrechtung voran getrieben. Auswanderungen waren mit Ausbruch des Krieges unmöglich geworden. 1942 gab es verstärkt Deportationen in Vernichtungslager. Die jüdischen Rüthener hatten zuvor ihre Häuser zu säubern, durften außer dem Ehering keine Vermögenswerte mitnehmen und mussten sich außerdem in einen Heimplatz einkaufen – wie Mathilde Ruthenberg, Albert Stern und Klara Weiss, die nach Theresienstadt deportiert wurden.

Die Rüthener Juden waren nicht nur ausgeraubt und ermordet worden, sie wurden auch aus den Erinnerungen getilgt. Der Judenfriedhof verwahrloste. Erst 1996 wurde ein Mahnmal für die ehemaligen jüdischen Mitbürger aufgestellt.