Aus dem „Waldfrieden“ ins KZ

Die Familie von Clara Weiss, geb. Herzheim, stammt aus dem Haus Hochstraße 24 in Rüthen.
Die Familie von Clara Weiss, geb. Herzheim, stammt aus dem Haus Hochstraße 24 in Rüthen.
Foto: Armin Obalski

Rüthen..  Albert Stern, Clara Weiss sowie Abraham, Hedwig, Emma, Erna und Anita Pollack – sieben Namen, sieben jüdische Menschen aus Rüthen, die durch die Nationalsozialisten ermordet wurden oder durch die Drangsal des NS-Regimes den Tod fanden. Stolpersteine erinnern seit der vergangenen Woche an sie. In loser Folge veröffentlichen wird die vom Initiativkreis Stolpersteine zusammengetragenen Biografien.

Alteingesessene Rüthener Familie

Clara Weiss, geb. Herzheim, wurde am 22. Oktober 1890 in Düren geboren. Sie war das jüngste von drei Kindern des Kaufmanns und Papierfabrikanten Alfred Herzheim und seiner Ehefrau Anna. Ihr Vater wurde 1857 in Rüthen geboren und stammte aus einer alteingesessenen jüdischen Familie, die schon um 1830 hier an der Hochstraße 24 ein Kaufhaus für Textilien und Gemischtwaren eröffnete. Mitte des 19. Jahrhunderts gründete sie im Rißneital eine Papiermühle und betrieb diese als erste in der Region mit Maschineneinsatz mit neun Arbeitsplätzen. Die Herzheims zählten folglich zu den frühindustriellen Gewerbepionieren im heimischen Raum.

Nach dem Umzug der Familie von Düren nach Berlin heiratete die schon als Kind zum Protestantismus übergetretene Clara Herzheim 1916 den Schriftsteller Heinrich Otto Weiss. Clara Weiss – gebildet in Philosophie und Pädagogik – betätigte sich wie ihr Mann ebenfalls beruflich im Buch- und Verlagswesen, so dass das Ehepaar zur Berliner Literatur- und Kunstszene zählte. Nach 12 Jahren wurde die Ehe geschieden und Clara Weiss siedelte 1932 nach Rüthen über, wo sie im Ferienhaus „Waldfrieden“ der Familie, das ihr Vater im Jahr 1900 im Rüthener Rißneital nahe der Papiermühle errichtet hatte, ihren Wohnsitz nahm.

Aber auch in diesem relativ weit von der Stadt abgelegenen Waldbereich war Clara Weiss den Verfolgungen des NS-Staates gegen die jüdische Bevölkerung ausgesetzt. Als sie 1939 aufgefordert wurde, alle in ihrem Besitz befindlichen Edelmetalle, wozu neben Schmuck auch Essbestecke und andere Gegenstände gehörten, entschädigungslos abzuliefern, berief sie sich auf ihre protestantische Konfession und ihre langjährige Ehe mit einem deutschen, ebenfalls protestantischen so genannten „Vollarier“.

Zum Verkauf gezwungen

Der Rüthener Bürgermeister Pöggeler aber wies ihren Einspruch unter Bezug auf die Nürnberger Rassegesetze von 1935 ab, wonach sie als „Rassevolljüdin“ einzustufen sei und sich allen entsprechenden staatlichen Maßnahmen gegen die Juden zu fügen habe. So wurde sie auch gezwungen, ihren unbebauten Grundbesitz im Rißneital der Stadt zu verkaufen.

Vergeblich versuchte Clara Weiss, durch längere auswärtige Aufenthalte sich den auch in Rüthen zunehmenden antijüdischen Repressalien zu entziehen. Dazu gehörten Hausdurchsuchungen, Ausgangsverbote, Beschlagnahme von Radios und zahlreiche weitere Einschränkungen im Alltagsleben, insbesondere aber auch die gesellschaftliche Diskriminierung durch das öffentliche Tragen des Judensterns.

Nach der ersten Deportation von Rüthener Juden im April 1942 wurden die Zurückgebliebenen vor Ort ghettoisiert. In diesem Rahmen wurden im Juni 1942 auch sieben Lippstädter Juden in das Haus „Waldfrieden“ zwangseingewiesen. Clara Weiss selbst aber musste in das Haus des jüdischen Kaufmanns Albert Stern, Königstraße 8, übersiedeln.

„Reichsfluchtsteuer“

Mit dem Transport in das Konzentrationslager Theresienstadt bei Prag am 27. Juli 1942 wurden mit den restlichen im Altkreis Lippstadt verbliebenen auch alle Juden aus Rüthen deportiert. Der Clara Weiss angebotene Einkauf in ein Altersheim in Theresienstadt und eine ihr auferlegte so genannte „Reichsfluchtsteuer“ dienten nur dazu, sämtliche Geld- und Vermögenswerte der Deportierten für den NS-Staat verfügbar zu machen. Dazu zählte sogar die Bahnkarte nach Theresienstadt, die alle Zuginsassen selbst zu bezahlen hatten. Die Stadt Rüthen ließ sich kurz danach das Restgrundstück mit dem Haus „Waldfrieden“ der deportierten unentgeltlich übertragen.

Clara Weiss wurde schließlich am 29. Januar 1943 mit einem Transport von Theresienstadt in das KZ Auschwitz in Polen gebracht. Dort wurde sie am selben Tag in den Gaskammern ermordet. Sie wurde 52 Jahre alt.