Am 16. Mai 1975 ging es „in die Vollen“

Die CDU-Kandidaten für die Kommunalwahl am 5. Mai 1975, darunter Ruth Grundhoff (2. Reihe, Mitte) und Friedel Sprenger (2. Reihe, 3.von rechts).
Die CDU-Kandidaten für die Kommunalwahl am 5. Mai 1975, darunter Ruth Grundhoff (2. Reihe, Mitte) und Friedel Sprenger (2. Reihe, 3.von rechts).
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Vor 40 Jahren tagte der Warsteiner Rat erstmals nach der kommunalen Neuordnung. Ruth Grundhoff und Friedel Sprenger, die damals beide Mitglied waren, erinnern sich zurück.

Warstein..  „Nach Monaten der ,Rats-losigkeit’ geht es nun wieder ,in die vollen’“, schrieb die WESTFALENPOST am 14. Mai 1975. Denn zwei Tage später, auf den Tag genau vor 40 Jahren, tagte der Rat der Stadt Warstein – erstmals nach der kommunalen Neuordnung und damit erstmals mit Vertretern aus allen Ortsteilen.

„Da war schon eine gewisse Aufbruchsstimmung zu spüren“, sagt Ruth Grundhoff, die damals zu den ersten Ratsmitgliedern gehörte, „wir wollten die neue Stadt gestalten.“ Dabei stand die Stadtvertretung nach dem Zusammenschluss der damals acht Ortsteile vor einigen Herausforderungen.

„Die Neuordnung war für viele als würde die Welt untergehen“, sagt Friedel Sprenger, der 1975 nicht nur Stadtratsmitglied, sondern zugleich Ortsvorsteher von Sichtigvor wurde. Entsprechend argwöhnisch schauten viele Bürger auf die Entscheidungen des neuen Gremiums. Soll jede Ortschaft ihren eigenen Friedhof behalten? Welche Straßen müssen umbenannt werden? Wo wird es neue Baugebiete geben?

„Das war damals eine andere Situation“, beschreibt Sprenger, „man war Sichtigvorer oder Belecker – heute hat man eher einen Sinn dafür, dass wir eine gemeinsame Stadt sind.“ Bürgermeister Hermann Kroll-Schlüter machte die Vorgabe, die einzelnen Ortschaften auch innerhalb der neuen Großgemeinde zu stärken. „Denn die Bürger mitzunehmen, war vielleicht die größte Herausforderung“, blickt Ruth Grundhoff zurück. So wurden etwa die Friedhöfe nicht zentralisiert. „Das kostet uns heute eine Menge Geld, aber damals war es wichtig und richtig“, ist Friedel Sprenger überzeugt.

Wenn Straßennamen im Stadtgebiet doppelt vorkamen, durfte die Straße mit den meisten Anwohnern ihre Bezeichnung behalten. So wohnt Friedel Sprenger seitdem etwa an der Sankt-Georg-Straße und nicht mehr an der Hauptstraße in Sichtigvor. „Wir waren darauf bestrebt, auf Grundsätze zu achten und dann konsequent zu bleiben“, erklärt Ruth Grundhoff, „das war schon gut so.“

Nur zwei Frauen im Rat

Auch in das Wappen der neuen Stadt sollten alle Ortschaften integriert werden – in Form von Punkten auf der rechten Hälfte. „Das war der Zeit geschuldet“, sagt Grundhoff, „heute könnte ich mit dem Petrus aus dem Warsteiner Ortswappen gut leben.“ Als Seiteneinsteigerin war die damalige Vorsitzende der Frauen-Union in den Rat eingezogen – neben Marion Schulte (SPD) als eine von nur zwei Frauen. „Das war aber kein Nachteil“, glaubt Ruth Grundhoff, „die anderen gingen mit mir genauso rau um wie mit allen anderen auch.“ In den ersten Sitzungen habe sie sich aber aus Respekt vor den vielen früheren Bürgermeistern noch ein wenig zurückgehalten. Schließlich mussten auch alle Satzungen geändert werden. Stundenlang wurde um die Formulierungen gerungen. „Irgendetwas war immer“, erinnert sich Friedel Sprenger, „und das musste ja schon auch vernünftig sein, damit die Satzungen im Fall der Fälle auch vor Gericht bestanden hätten.“

Streit ums Geld

70 bis 80 Tagesordnungspunkte hatten die ersten Sitzungen des neuen Gremiums. Jedes Ratsmitglied durfte sich nur zwei Mal melden, sonst hätten die Versammlungen wohl gar kein Ende genommen. „Das waren aber nicht nur Streitereien um Altes, sondern wir waren eine Fraktion, die nach vorne wollte“, sagt Grundhoff. Auch der Gestaltungsspielraum sei damals größer gewesen. Lehrschwimmbecken und Kindergärten nennt Friedel Sprenger als Beispiele: „Wobei wir immer schon zu wenig Geld hatten.“

Den Bürgern, die der Eigenständigkeit hinterher trauerten, waren die Lokalpolitiker weit voraus. Nach der ersten Sitzung stand 1975 das Pfingst-Wochenende vor der Tür – mit Schützenfesten in Warstein, Suttrop und Hirschberg. Friedel Sprenger, Ruth Grundhoff und andere Ratsmitglieder stießen auf jedem der Feste an – auf die Zukunft der neuen Stadt Warstein.

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