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Bullenauge wird 50

Flüssiger Kult

06.11.2008 | 11:04 Uhr

Soest/Bad Sassendorf. Für die einen ist es Kult. Für die anderen einfach nur ein Likör. Für Hermann Roß jedoch ist das Bullenauge mehr als das alles — es ist ein Stück Kirmesidentität. Und das seit 50 Jahren.

Wenn der 67-Jährige den wertvollen Tropfen in die Schnapsschale gießt und vorsichtig die Sahne zugibt, sieht es ein bisschen nach höherer Kunst aus. „Ein guter Likör muss immer in Zimmertemperatur serviert werden, damit sich der Geschmack entfaltet”, klärt Roß auf. Und für die typischen Bullenaugen gehöre unbedingt Sahne mit 32-prozentigem Fettgehalt in den Kühlschrank. Kondensmilch in den Mokka zu kippen kommt in Roß' Geschmacksnerven einer Todsünde gleich. Und ganz wichtig: Es muss das echte Bullenauge sein — nicht irgendein Mokka.  Es gibt nur wenige berufliche Laufbahnen, die so eng mit dem Traditionsgetränk verknüpft sind, wie seine. 40 Jahre war Hermann Roß bei der Soester Molkerei beschäftigt, neun Jahre davon als Geschäftsführer. An seine erste Begegnung mit dem Bullenauge erinnert es sich noch genau. Auf dem Pferdemarkt 1964 kostete er zum ersten Mal von dem braunen Likör. „Ich war da ja noch ein Jungspund und es hat mich beeindruckt, wieviele Bullenaugen mein Vorgänger Dr. Kiko getrunken hat”, erinnert sich der Bad Sassendorfer und schmunzelt.

Ihm ist wichtig, dass das Bullenauge ein Getränk der Bauern war und noch immer ist — der Menschen, die die Molkerei damals belieferten. 1958 wurde das Bullenauge aufgrund eines Versehens in einer Sitzung von Vorstand und Aufsichtsrat der Molkerei „geboren” — und nicht, wie viele glauben, in einer Sitzung des Bauausschusses. Der damalige Landrat Blume war jedoch Vorsitzender der Molkerei und gleichzeitig derjenige, der in dem Mokka mit Sahne Bullenaugen erkannte. Daraufhin verbreitete sich der Kult wie ein Lauffeuer. Familie Middrup, die heute wie damals zur Kirmes ihre Milch-bar vor der Sparkasse aufbaut, war die erste, bei der das Bullenauge ausgeschenkt wurde.

Bis zu seinem Ruhestand erlebte Roß die Erfolgsstory mit. „Ich habe nicht ein Jahr erlebt, in dem der Absatz gleich war. Das hat sich kontinuierlich gesteigert”, sagt er. Wie viele Flaschen über die Ladentheken wandern, das will Roß nicht verraten. „Zigtausend, darauf können Sie sich verlassen”, sagt er und glaubt nicht, dass ein Ende in Sicht ist. Zwar änderten sich Geschmäcker — nicht aber beim Bullenauge. Das sehen seine ehemaligen Kollegen genau so. Auch heute haben sie auf dem Pferdemarkt wieder ihren Bullenaugen-Stand aufgebaut — ehrenamtlich. Früher, sagt Roß, sei er unter 15 Bullenaugen nie nach Hause gegangen: „Aber man wird ja ruhiger.” Doch eine Kirmes ganz ohne Bullenauge? Roß: „Wer sagt, er sei auf der Allerheiligenkirmes gewesen und kein Bullenauge getrunken hat, der war nicht in Soest.”

Video: Europas größte Altstadtkirmes und das Bullenauge

Weitere Informationen: www.bullenauge.de

Jennifer Schumacher

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