Allagener muss sich wegen Vergewaltigung verantworten

Leisterbild Landgericht Arnsberg
Leisterbild Landgericht Arnsberg
Foto: WP Ted Jones
Wegen Vergewaltigung muss sich seit gestern ein 64-jähriger Allagener vor Gericht verantworten. Zum Auftakt steht sein Werdegang im Mittelpunkt: Er lebte länger inhaftiert als frei.

Allagen/Arnsberg..  Ungerührt sitzt der Angeklagte auf seinem Platz, als Staatsanwältin Astrid Rehbein den Tatvorwurf erläutert: Mit der Bitte, seine Wohnung zu reinigen, soll der 64-Jährige sein mutmaßliches Opfer am 25. August zu sich gelockt haben. An der Wohnungstür sei er hervorgetreten und habe sie am Hals gepackt – so fest, dass sie zu Boden stürzte. „Nicht schreien!“, soll er ihr dann geraten haben, während er ihr die Hände fesselte. Als sie wieder stand, führte er sie ins Schlafzimmer und warf sie aufs Bett, erklärt die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage weiter. Was dann folgt, sind die Details einer grausamen Vergewaltigung. Den Widerstand der Frau soll der Allagener gebrochen haben, indem er ihr ein Messer an den Hals hielt.

Auf den Wahrheitsgehalt dieser Vorwürfe gingen die Beteiligten gestern am ersten Prozesstag vor dem Landgericht Arnsberg aber noch nicht ein. Der Werdegang des Angeklagten stand im Vordergrund der Befragung – und führte von einer Inhaftierung zur nächsten.

Er sei kein guter Schüler gewesen, gesteht der 64-Jährige ein, „und einer, der öfter mal an der Schule vorbeiging“. Schwänzen wurde damals noch als Straftat behandelt und der Jugendliche kam zum ersten Mal in Wochenend-Arrest.

Frau zu Tode gewürgt

Aufgewachsen ist er mit seiner Schwester in einem katholischen Heim. „Da sind so einige Dinge passiert, die man verdrängen möchte, aber nicht kann“, sagt der ursprünglich aus dem Bergischen stammende Mann, „ich wurde vom männlichen Personal sexuell missbraucht“. Nach der siebten Klasse wechselte er das Heim regelmäßig, lebte zwischenzeitlich auch wieder beim gewalttätigen Vater. Zweimal versuchte er in dieser Zeit, sich selber zu töten. Niemand habe ihm dem Missbrauch geglaubt damals, „also habe ich es in mich reingefressen“. Heute erzählt der Angeklagte offen und scheinbar entspannt aus seinem Leben.

Nach einem Psychiatrieaufenthalt sei er bei seiner Schwester untergekommen. „Ich hatte mich gefreut, bei ihr zu wohnen“, erzählt er. Aber auch dort erlebte er Gewalt in der Familie, meist ausgehend von seinem Schwager. „Der hat mich zum Trinken gebracht.“ Gemeinsam mit seinem Schwager wurde er auch zum ersten Mal wirklich straffällig. Mit 19 wurde er wegen Diebstahls zu sechs Monaten Haft verurteilt.

Es folgten schnell weitere Verurteilungen wegen schweren Diebstahls zu insgesamt 14 Monaten. „Als ich 1972 entlassen wurde, ging mein erster Weg in eine Kneipe“, dort lernt er seine spätere Ehefrau kennen, die sich 1976 wieder von ihm trennte, nachdem er sie geschlagen hatte.

Seit 2010 auf freiem Fuß

Nach Alkoholsucht und Obdachlosigkeit lernte er in der Therapie eine neue Frau kennen. „Ich wollte mehr und sie nicht, da habe ich sie ein bisschen unter Druck gesetzt“, sagt er. Sie solle sich nicht so anstellen, habe er ihr gesagt. Als sie anfing zu schreien, habe er Angst bekommen. „Ich habe angefangen zu würgen. Zu lange. Sie war tot.“ Auch das erzählt er offen und ohne vernehmbare Rührung.

Wegen Mordes wurde der heute 64-Jährige zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Als er nach sieben Jahren im Hafturlaub seine Schwägerin vergewaltigte, kamen acht weitere Jahre und die Sicherungsverwahrung hinzu. 2010 wurde er nach insgesamt 33 Jahren entlassen – und er zog nach Allagen. „Das fing eigentlich klasse an“, sagt er, „ich bin gut mit den Leuten in meiner Umgebung klargekommen.“ Auch eine Beschäftigung hat er gefunden. Doch als die Arbeitsstelle abgebaut wurde und die Nachbarn wechselten, fühlte er sich einsam.

An dieser Stelle endete die Geschichte gestern. Morgen wird der Angeklagte von der JVA Hamm in ein Justizkrankenhaus verlegt, weil er in den vergangenen Monaten 19 Kilogramm Gewicht verloren hat. Am kommenden Mittwoch wird er dann voraussichtlich zum Tatvorwurf aussagen.