Zwei Müsener wollen den Chefsessel

Wolfram Bensberg  befragt  Sven Wengenroth und Holger Menzel (von links).
Wolfram Bensberg befragt Sven Wengenroth und Holger Menzel (von links).
Foto: WP

Müsen..  Eigentlich sind sie beide Müsener, die Hilchenbacher Bürgermeisterkandidaten. Holger Menzel, der von UWG, Grünen und FDP unterstützte Einzelbewerber, lebte bis auf drei Jahre immer hier. Sven Wengenroth, der Kandidat der SPD, ist 2007 nach Hilchenbach gezogen.

Das Müsener Dorfgespräch ist das Forum, bei dem Menzel und Wengenroth erstmals öffentlich aufeinander treffen. Der Schulungsraum des Feuerwehrgerätehauses ist brechend voll. Unter anderem natürlich auch mit jeder Menge Anhang der Konkurrenten — so dass Sorge dafür getragen ist, dass auf den Bierdeckeln die richtigen Fragen stehen. Die, mit denen Wolfram Bensberg als Moderator die beiden Wahlkämpfer nach und nach konfrontiert.

Und das ist eine Auswahl:
Kultureller Marktplatz: Sven Wengenroth hat sich durchgerungen: Es gibt keine Alternative, denn die Sanierung des Dahlbrucher Kultur- und Freizeitkomplexes steht sowieso an. „Aber andere Projekte werden darunter leiden.“ Für Holger Menzel ist die Frage gar keine. „Sonst hätten wir uns die ganze Regionale-Geschichte sparen können.“ Er sei sich „sicher, dass man die Finanzierung gestemmt bekommt“.
Haushaltskonsolidierung: „Wir sitzen auf einem Pulverfass“, warnt Sven Wengenroth. Sollten die Zinsen steigen, werden die Kredite unbezahlbar. Nur: „Ganz allein werden wir das nicht lösen.“ Holger Menzel setzt auf Betriebe und Menschen, die nach Hilchenbach ziehen und Geld in die Kasse bringen. „Wenn man zu viel spart, spart man sich kaputt.“
Tourismus und Gewerbe: Holger Menzel spricht von der Nutzung der künftigen Hammerwerk-Brache, vom Feriengebiet Lützel-Giller und von einem weiteren, nördlichen, also Müsener Rothaarsteig-Zugang. Sven Wengenroth verweist auf die taufrische Idee aus dem Rathaus, den Hang zwischen Oberbach und Insbach als neues Allenbacher Gewerbegebiet zu erschließen.
Motive: „Ich will etwas bewirken in der Stadt, in der ich lebe, in der meine Kinder groß werden“, sagt Sven Wengenroth. Es gehe ihm um die „aktive Mitgestaltung meiner Heimat“, antwortet Holger Menzel.
Schlaglöcher in den Straßen: Die müssen weg, aber nicht mit Kaltbitumen, sagt Holger Menzel, der studierte Bauingenieur im Dienst der Bezirksregierung: „Das ist Quatsch.“ „Von Bitumen habe ich wirklich keine Ahnung“, gesteht Sven Wengenroth, der Gastwirtssohn, der erst Koch lernte und dann, nach der Zeit als Berufssoldat, das Verwaltungsdiplom machte und städtischer Amtsrat in Siegen wurde. Aber, so Wengenroth, für den richtigen Ausbau nimmt die Stadt auch den Bürgern Beiträge ab. „Oft sind die Straßen dann gar nicht mehr so schlecht.“
Ärztliche Versorgung: Da sei Hilchenbach „sehr gut ausgestattet“, sagt Holger Menzel. „Meine Mutter versucht, einen Arzt in der Nähe zu finden“, berichtet Sven Wengenroth. Einfach sei das nicht, zumal mit ihr viele auf der Suche sind, weil Ingrid Hegenbarth aufhört.
Die Dörfer: „Wenn wir Glück haben, bleibt es so“, sagt Holger Menzel über das Nahverkehrsangebot. Um Ladenfläche zu sichern, hat er das Landkaufhaus Setzer selbst gekauft und an einen Getränkehandel vermietet. Sven Wengenroth verweist auf brach liegende Gastronomie („Mein Bruder hat ja nicht dicht gemacht, weil’s so gut läuft“) und leere Läden: „Den Spar hätte jemand übernommen, wenn man gute Geschäfte hätte machen können.“
Ortsvorsteher: Wenn es einen oder sogar mehrere gewählte Ratsmitglieder in einem Ort gibt, ist das Amt überflüssig, sagt Sven Wengenroth. Das findet Holger Menzel nicht: Dann fehle nämlich immer noch einer, der dafür sorge, dass der Ort in Hilchenbach „mit einer Stimme spricht“.
Amtsverständnis: Er wolle „Verbindungsglied zwischen Bürgern, Politik und Verwaltung“ sein, sagt Holger Menzel. Er werde die Verwaltung leiten, dem Rat vorstehen, moderieren, Anstöße geben, sagt Sven Wengenroth. „Zumindest bei uns“, sagt er dann noch, werde der Bürgermeister wohl auch als „Mediator“ gebraucht.
Die große Koalition: „Ich möchte Ziele auch durchsetzen können“, sagt Sven Wengenroth. Da gebe es ihm einen „starken Rückhalt“, eine Ratsmehrheit von SPD und CDU hinter sich zu wissen. Holger Menzel, der überzeugte Parteilose, glaubt an den Kompromiss: „Es wird auf Dauer keine Blockadehaltung geben.“

Viel zu nett für ein Duell

Irgendwann sind die Bierdeckel aufgebraucht, auf denen die Anhängerschaften ihren Frontmännern die Stichworte aus den Wahlprogrammen in den Mund gelegt haben. Es folgt: der Klartext. „Langweilig“ seien die beiden, behauptet jemand. Ob sie sich auch für irgendetwas begeistern können? Holger Menzel erzählt von Fahrradtouren mit einem Kumpel, oben auf dem Berg — „oah, ist das schön hier.“ Sven Wengenroth spricht vom Feiern, am besten und am liebsten in Müsen. Was, wenn sie das Füllhorn voller Geld ausschütten könnten? Den Kulturellen Marktplatz realisieren, „damit das Thema vom Tisch ist“, sagt Wengenroth sofort. „Eigentlich brauchen wir kein Füllhorn“, sagt Menzel, „wir schaffen das auch allein.“

Die erste öffentliche Begegnung der Kandidaten ist kein Duell — dafür sind beide zu nett. Vor allem Sven Wengenroth, der sich immer wieder auf Antworten seines Mitbewerbers bezieht, während Menzel das tunlichst vermeidet. Bestimmt ist Wengenroth größer als Menzel. Man sieht das nur nicht, solange der eine immer steht und der andere immer auf der Tischkante sitzt.

Überraschung mit Vorbildern

Langweilig? Man müsste den beiden auf den ersten Blick grundverschiedenen Typen nur die richtigen Fragen stellen. Die nach ihren Vorbildern zum Beispiel. Beide nennen, durchaus anrührend belegt, ihre Eltern. Und in der Politik? Da überraschen beide. „Wie soll’s anders sein für einen Sozi?“, fragt Wengenroth zurück und nennt — nicht Willy Brandt („Mehr Demokratie wagen“), sondern Helmut Schmidt, den autoritären Dauer-Quarzer. Menzel bekennt sich zu Heinrich Weiss, dem Hilchenbacher Unternehmer mit „Weitblick“, sagt er. Ob das auch dessen Tändelei mit der AfD gilt, könnte man ja beim nächsten Mal fragen.