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Ausstellung

Zuerst verschwinden die Gesichter

01.10.2012 | 19:00 Uhr
Zuerst verschwinden die Gesichter
Ausstellung im Rathaus NetphenFoto: Steffen Schwab

Netphen. Als Rudi Assauer, der Fußballmanager, seine Demenzerkrankung öffentlich macht, ist das wieder eine der Gelegenheiten, in der das Tabu gebrochen wird. Eine andere bietet die Ausstellung im Netphener Rathaus: Carolus Horn malt – und seine Bilder verändern sich mit dem Fortschreiten von Alzheimer. „Wie aus Wolken Spiegeleier werden“, heißt der Titel, der eigentlich alles sagt.

„Wer kennt ihn nicht?“, fragt Bürgermeister Paul Wagener. Man muss den Betrachtern nur leicht auf die Sprünge helfen mit ein paar Illustrationen aus den 1950er und 1960er Jahren. Der Werbeprospekt mit dem Opel Kapitän und dem Slogan „Nur Fliegen ist schöner“. Essos „Packen wir’s an“. Die Bundesbahn-Reklame „Alle reden vom Wetter...“ Das sind Arbeiten von Carolus Horn, der 1984, mit 63 Jahren, an Alzheimer erkrankt. „Auch Kreativität und jugendliches Alter“, so Wagener, „bieten keine Versicherung gegen demenzielle Veränderung.“

Der Maler vor der Staffelei malt sich selbst, nicht das vor ihm sitzende Modell — eine Szene, die Horn im Frühstadium seiner Erkrankung festgehalten hat, als er begann, Personen zu verwechseln. Später geht die dritte Dimension verloren, die Bilder werden ornamental, holzschnittartig. Gesichter verlieren ihre Individualität, Fassaden geraten monoton. Natürlich kann man die Bilder als Dokumentenfolge sehen, was ab wann alles nicht mehr geht. Aber auch umgekehrt: Carolus Horns Kunst, sagt Eva Vitt, „soll Mut machen, selbst etwas zu tun.“ Die Seniorenbeauftragte der Stadt Netphen möchte „die Menschen von zu Hause abholen, sie aus der Lethargie herausholen“. Und bei den anderen, den nicht Betroffenen, die veränderte Lebenswelt der Menschen mit Demenz verstehbar machen.

Auch Sport ist eine Alternative

Eine Gruppe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Vereins Vergissmeinnicht schaut sich die Ausstellung an. Mittlerweile 42 Patienten betreut der Dienst, der pflegende Angehörige stundenweise entlasten kann, zu Hause. Um die 16 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zählen die beiden Betreuungsgruppen am Montag- und am Donnerstagnachmittag, die seit Februar ihren neuen „Treffpunkt Vergissmeinnicht“ im Freizeitpark haben. Auch dort geht es darum, Aktivität zu fördern. „Einfach genial“ nennt Einsatzleiterin Silke Sanchez die sich dort bietenden neuen Möglichkeiten. „Wir überlegen, ob wir dort auch einmal Sport anbieten.“ Auf der Terrasse gegrillt haben Gäste und Gastgeberinnen auch schon — wie man das halt so macht an einem ganz normalen Sommertag.

„Vergissmeinnicht“ war Startprojekt

Die Begegnung vor den Bildern von Carolus Horn endet bei Aquarellen in nur noch einer Farbe und abstrakten Bleistift-Kritzeleien. Kurz danach kam Horn in ein Pflegeheim, wo er nach nur wenigen Monaten im Alter von 71 Jahren starb. Demenz als „eine große ­Herausforderung für die Gesellschaft“ — das war für Eva Vitt, als sie auf den Tag genau vor fünf Jahren die städtische Senioren-Service-Stelle eröffnete, der Anlass, als erstes Projekt die „Vergissmeinnicht“-Gründung anzugehen. Die Herausforderung ist seitdem nicht kleiner geworden.

Von Steffen Schwab


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