Soziales Jahr im Ausland
Wissen hilft raus aus den Slums
28.04.2010 | 17:31 Uhr 2010-04-28T17:31:00+0200Siegen/Buenos Aires. Der Zeigefinger des kleinen Jungen mit der Baseballkappe kreist suchend über der Computer-Tastatur. L -U -C - A -S schreibt er langsam.
„Toll gemacht”, lobt Simon Osladil seinen Schüler. Wie immer mittwochs gibt der 20-jährige Siegener Computerunterricht im Sozialprojekt „Che Pibe”, zu Deutsch „Hey, Kind”.
Seit August 2009 absolviert er dort einen „Anderen Dienst im Ausland” (ADiA) als Zivilersatzdienst im Armenviertel „Villa Fiorito” vor den Toren der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. In Arbeitsgruppen soll den etwa 500 Projekt-Kindern schulbegleitend Wissen vermittelt werden. Neben Lucas (10) sitzt Alexis Nahuel (9). Seinen Namen hat er bereits korrekt eingetippt. Nun bereitet ihm sein Geburtsdatum Probleme.
Ein eigenes Bett ist Luxus
Simon Osladil versucht zu helfen. „Das war doch im Sommer, oder?” Alexis nickt. Der genaue Tag lässt sich aber nicht ermitteln. Cristian, der Dritte im Bunde der kleinen Computer-AG, hat es sich unterdessen bequem gemacht. Den Kopf lässig auf die verschränkten Unterarme gestützt, will er wissen: „Können wir jetzt endlich spielen?”
Simon Osladil weiß, dass sich die Aufmerksamkeitsspanne seiner Schützlinge dem Ende zuneigt. „Maximal 30 Minuten, mehr habe ich nicht”, sagt er. Die Kinder sind müde. Ausreichend Schlaf bekommen sie in ihren Familien kaum. In den ärmlichen Behausungen, meist nicht mehr als ein kleiner Bretterverschlag mit Wellblechdach, leben nicht selten bis zu zwölf Personen ohne fließendes Wasser oder Strom auf engstem Raum zusammen. Ein eigenes Bett ist Luxus. Üblicherweise wird eine Matratze mit mehreren Brüdern oder Schwestern geteilt. So ärmlich die Verhältnisse sind – ein Fernseher gehört zur Grundausstattung. Oft sogar eine Playstation, wie im Fall von Cristian. Bis morgens früh um fünf Uhr habe er davor gesessen, erzählt der Zehnjährige.
Simon hat ein Einsehen – jetzt darf gespielt werden – allerdings nur mit pädagogischem Nutzen. Auf unterhaltsame Weise trainieren Lucas, Cristian und Alexis Nahuel ihre Lese-, Schreib- und Rechenkenntnisse.
Wissen ist der wichtigste Weg aus dem Elend, der beste Schutz vor einer Zukunft als Krimineller oder Drogenabhängiger. Von einer erfolgreiche Fußballkarriere im Stile eines Diego Maradona, der ebenfalls aus „Fiorito” stammt, träumen die meisten. Man begegnet kaum einem Jungen, der nicht mit dem Trikot des Maradona-Clubs „Boca Juniors” oder dem der Nationalelf umherläuft. Weltruhm auf dem grünen Rasen ist jedoch nur den wenigsten vergönnt.
Zuschuss vom Staat – mal mehr, mal weniger
12 Uhr. Der Computerkurs ist für heute vorbei – es gibt Mittagessen. Die drei Jungen springen auf und stellen sich an der Essensausgabe an. Kartoffelpüree und Hackfleisch stehen auf dem Speiseplan. Dazu gibt es Saft und Brot. Das Angebot richtet sich je nach Höhe der Zuschüsse, die mal mehr, mal weniger üppig vom argentinischen Staat fließen. In diesem Monat scheint etwas mehr als sonst eingetroffen zu sein. Für zu Hause bekommt jedes Kind noch eine Banane und eine Packung Müsli mit auf den Weg. „Nos vemos mañana, wir sehen uns morgen”, ruft Simon Osladil den Jungen und Mädchen in fast akzentfreiem Spanisch hinterher, als diese davonlaufen.
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