Wie der Waldboden im Frühjahr erwacht

Selten und wunderschön: Märzenbecher sind mit den Schneeglöckchen und Osterglocken verwandt.
Selten und wunderschön: Märzenbecher sind mit den Schneeglöckchen und Osterglocken verwandt.
Foto: Uta Birkhölzer
Was wir bereits wissen
Spaziergänger erfreuen sich derzeit über üppige Blüten im Wald. Es gibt allerdings viele Gründe, warum im Wald die regel gilt: Nur gucken, nicht anfassen.

Siegen..  Mit den ersten Sonnenstrahlen im März und April tauchen zunächst einzelne Blüten in Weiß, Blau oder Gelb im Waldboden auf. Wer sich genau umsieht, findet dann viele kleine Blumen im braunen Laub des Vorjahres. Auch in den Wäldern Siegen-Wittgensteins nutzen Frühjahrsblüher im Wald jetzt das Frühjahrslicht und erfreuen mit der ersten Farbenpracht nach dem langen Winter.

„Bei Spaziergängen sollte der Blick daher nach unten schweifen. Frühjahrsblüher wachsen in unglaublicher Geschwindigkeit mit üppigen Blüten. Das ist jedes Jahr aufs Neue ein geheimnisvolles Naturschauspiel“, sagt Försterin Uta Birkhölzer von Wald und Holz NRW aus Oberholzklau. Zu entdecken sind zurzeit weiße Buschwindröschen (Anemone nemorosa), dottergelbes Scharbockskraut (Ranunculus ficaria), Geflecktes Lungenkraut (Pulmonaria officinalis), violette Veilchen (Violaceae) oder am Wegesrand der leuchtende Huflattich (Tussilago farfara). Seltener findet man die wunderschönen Märzenbecher, die mit den Schneeglöckchen und Osterglocken verwandt sind.

„Eine Grundregel für Waldbesucher lautet: Nur gucken, nicht anfassen!“ betont Uta Birkhölzer. Manche Frühjahrsblüher im Wald stehen unter Naturschutz und dürfen weder gepflückt noch ausgegraben werden. „Die Blumen haben ja ohnehin nur ein sehr enges natürliches Zeitfenster, in dem sie blühen und sich vermehren können. Deshalb sollten sie immer an ihrem Standort belassen werden“, erläutert Birkhölzer. Als Blumenstrauß halten die kleinen Waldblüten sowieso nur sehr kurz. Auch sind Insekten und insbesondere Hummeln auf den Pollen und Nektar der ersten Blüten angewiesen. „Wer die Frühjahrsblüher stehen lässt, tut also aktiv etwas für den Schutz unserer Wälder.“

Geschwindigkeit ist wichtig

Viele Pflanzen enthalten für den Menschen außerdem giftige Stoffe, beispielsweise auch das Scharbockskraut, warnt die Wald-Expertin. Nicht wenige Vorkommen sind übrigens auch dadurch verschwunden, weil die hübschen Pflanzen verbotenerweise ausgegraben wurden, um sie im eigenen Garten anzusiedeln. Dabei wachsen die meisten Geophyten im Hausgarten gar nicht, weil ihnen dort die spezifischen Bedingungen des Waldbodens fehlen.

Die krautigen Frühblüher aus unterschiedlichen Pflanzenfamilien zählen botanisch zu den mehrjährigen Stauden und hier speziell zur Gruppe der Geophyten. „Das leitet sich aus dem Griechischen ab, „Geo“ für Erde und „phyton“ für Pflanze. Weil sie im Winter völlig verschwunden sind, ist ihr Geheimnis unter der Erde zu suchen. Als Überwinterungsorgane kommen Zwiebeln (beim Märzenbecher), Knollen (beim Scharbockskraut) oder Wurzelstöcke (beim Buschwindröschen) vor, die für die Frühjahrsblüher eine überlebenswichtige Funktion haben: In ihnen sind Nährstoffe und Energie gespeichert, die trotz der noch niedrigen Temperaturen im März und April ein schnelles Wachstum ermöglichen. Blühen in einem Wald viele Geophyten-Arten, zeigt das oft alte Eichen- und Buchenbestände an.

„Geschwindigkeit ist für die kleinen Krautigen am Waldboden das Allerwichtigste. Schon im Mai, wenn die Bäume mit den frisch ausgetriebenen Blättern kein Licht mehr an den Boden lassen, muss von der Befruchtung bis zur Samenreife alles erledigt sein“, erläutert Uta Birkhölzer.