Wenn Gourmet-Restaurants im Kyrill-Wald schließen Bemühungen um langfristige Perspektiven für Balance zwischen Jagd und Forstwirtschaft
26.06.2008 | 21:05 Uhr 2008-06-26T21:05:23+0200Netphen. Welche Auswirkungen hat Kyrill für die Jagd? Und welche Chancen bieten Windwurfflächen für Wild und Jäger?
Bei einer Fortbildungsveranstaltung des Forstamtes Siegen-Wittgenstein mit der Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadensverhütung des Landes Nordrhein-Westfalen in Bonn sowie Dr. Bertram Leder vom Lehr- und Versuchsforstamt Arnsberg gingen gestern Jäger und Waldbesitzer dieser Frage nach.
"Sanfte Jagd" lautete das Stichwort, das bei dem Seminar im Waldland Hohenroth die Bemühungen um den Ausgleich zwischen Wild und Wald, Natur und Wirtschaftlichkeit, Jägern und Waldbesitzern beschreibt.
Eine Verbiss-Inventur soll künftig alle drei Jahre ein Bild liefern, wie stark der Wildbestand den Wald schädigt, kündigte Forstdirektor Diethard Altrogge an. Er muss als Verwalter des Staatswaldes selbst die Vorgaben des Landes, letztlich des Steuerzahlers, umsetzen. So liefert die Jagd im 6000 Hektar großen Staatswald rund 130 000 bis 140 000 Euro Einnahmen im Jahr. Schon länger hat sich das Forstamt Siegen-Wittgenstein dafür entschieden, möglichst wenig Unruhe in die Reviere zu bringen. Nur ein Viertel der Flächen wird für die Jagd verpachtet, knapp ein Fünftel ist in Pirschbezirke eingeteilt, in denen Jäger für ein Jahr eine festgelegte Zahl von Abschüssen erlaubt bekommen.
Die Vorgabe "geringe, aber effektive Jagdausübung" bedeutet hier, dass der größte Teil der Reviere nur einmal im Jahr bei Gesellschaftsjagden durchkämmt wird und dann wieder Ruhe herrscht. Die Bewegungsjagd mit Treibern und Hunden sieht Altrogge als durchaus natürliche Belastung für die Tiere: "Das Wolfsrudel zieht durch den Wald, dann kehrt wieder Ruhe ein".
Damit diese Drückjagden auch die gewünschte Strecke erbringen und die Waidmänner sauber treffen, sollen ab 2009 die zahlenden Teilnehmer jagdliche Praxis oder Schießtraining nachweisen.
Neben der Jagdausübung ging es aber bei dem Fachseminar besonders um die Rahmenbedingungen, die das Wild im Wald braucht. Kyrill hat im Januar 2007 Windwurfflächen geschaffen, die nun als Gourmet-Restaurants für Sauen, Reh- und Rotwild betrachtet werden können.
Schon in wenigen Jahren wird sich aber das Blätterdach des nachwachsenden Holzes schließen und damit dem Bodenwuchs das Sonnenlicht nehmen. Schon jetzt hat Oliver Schmitt, Revierförster am Lahnhof, auf 2000 Hektar verteilt 20 offene Äsungsflächen angelegt. Wenn zehn bis 15 Jahre nach Kyrill die Windwürfe zugewachsen sind, werden Hirsche und Rehe hier Nahrung finden und ihren Hunger nicht durch den Verbiss von Jungholz stillen.
Wildwiesen zu schaffen, sei auch wirtschaftlich betrachtet der bessere Weg, erklärt Schmitt, denn es vermeide spätere Verbissschäden. Mit einigen Waldgenossenschaften gebe es bereits gute Ansätze, außerhalb des Staatswaldes solche Freiräume zu schaffen. Hier sind Waldbesitzer und Jagdpächter zum Dialog gefordert.
Zur Ruhe für Wild und Wald soll auch der Tourismus in Bahnen gelenkt werden. "Kein Weg wird gesperrt", versichert Forstchef Altrogge, aber die Wanderer wollten auch geführt werden. Das sei beispielsweise über die Gestaltung von Wegen möglich: "Weniger kann mehr bedeuten". Als Referenten brachte gestern neben Altrogge, Schmidt und Dr. Leder auch Dr. Michael Petrak sein Fachwissen ein. Petrak kann dabei auf teilweise jahrzehntelange Erfahrungen und Forschungen in sturmgeschädigten Wäldern der Eifel zurückgreifen.
Für die Hirsche biete die sturmbedingte Auflichtung bereits kurzfristig höhere Lebensraumqualität. Die Erfahrung aus Sturmwürfen mache deutlich, dass ein natürliches Nachwachsen des Holzes in diesen Flächen und späteres Nachpflanzen von starken Bäumen eine Balance zwischen Wald und Wild ermöglichen könne.
Das Fazit von Petrak: "Die Dynamik nach Kyrill bietet für alle auch eine gemeinsame Chance zum Lernen".
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