Wenn der Nachbar mithört, steht Ärger ins Haus

Gibt es keine akustische Trennung zwischen Wohnungen, ist die Privatsphäre eingeschränkt.
Gibt es keine akustische Trennung zwischen Wohnungen, ist die Privatsphäre eingeschränkt.
Foto: Jens Plaum
Was wir bereits wissen
Hellhörige Wohnhäuser können für ihre Bewohner zur psychischen Belastung werden. Nachbarschaftliche Konflikte sind da vorprogrammiert.

Siegen.. Laut Deutschem Mieterbund Siegerland sind oftmals Mängel an der Bausubstanz das Problem – ein Relikt aus der Nachkriegszeit. Intim- und Privatsphäre sollten zu Hause garantiert sein. Sind die eigenen vier Wände aber zu dünn, steht Ärger ins Haus.

„Gerade im Siegerland und im Ruhrgebiet ist das ein besonderes Thema wegen der vielen Nachkriegsbauten“, betont Jens Gulden, der an der Uni Siegen als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war. Später hat er zu diesem Thema geforscht, Artikel verfasst und auch Vorträge gehalten. Er lebte selbst in einer hellhörigen Wohnung. Und zwar in Weidenau.

Sein Nachbar zeigte ihn wegen Ruhestörung an. „Ich habe damals irgendwann abends einen Rollkoffer aus dem Keller geholt“, erzählt er. „Dann hat der Nachbar sich beschwert.“ Ordnungswidrigkeit, er hätte eine Geldstrafe zahlen sollen. Mit einem Anwalt setzte er sich erfolgreich zur Wehr. Trotzdem: „Das hat mich damals so belastet, dass ich umgezogen bin.“ Ein anderes Mal ließ er die Fernseh-Nachrichten laufen und hielt sich dabei in einem anderen Raum auf. Weil seinem Nachbarn der Apparat zu laut war, stand plötzlich die Polizei vor der Tür, erzählt er.

Einfache Dinge könnten in solchen Situationen zu Problemen werden. „Wenn man beruflich erst abends um zehn nach Hause kommt und sich noch was kocht, kann das schon zu laut sein“, erklärt er. Das ginge sogar so weit, dass sich jemand auf dem Klo unwohl fühlen würde, aus Angst, jemand könnte ihn hören. „Man versucht dann, sich seine Privatsphäre zu bewahren, indem man immer leiser wird.“

Wenn die Polizei gerufen werde, versuchten die Beamten zunächst deeskalierend zu wirken, betont Polizeisprecher Meik Reichmann. „Wir bitten dann, leiser zu sein und erklären, dass es einen Anruf gab.“ Spätestens beim zweiten Mal allerdings sollte der potenzielle Ruhestörer einlenken.

Vorschriften so alt wie die Häuser

Auch dem Deutschen Mieterbund Siegerland ist das Thema nicht fremd. Das sich jemand beschwere, komme häufiger vor, so Geschäftsführer Marco Carsten. „Meistens in Häusern, die in der Nachkriegszeit gebaut wurden.“ Betroffen seien fast alle Gebäude mit Altbausubstanz. Problem: Diese müssen die Vorschriften erfüllen, die zum Zeitpunkt des Baus galten. Nachrüstpflicht besteht keine. „Viel entgegenwirken kann man da nicht“, betont Marco Carsten. Eine Möglichkeit sei Trittschalldämmung. „Mieter können entsprechend leise Böden verlegen, alles andere sind bauliche Änderungen, für die man die Zustimmung des Vermieters braucht.“ Die müssten, wenn der Mieter auszieht, auch wieder aus der Wohnung verschwinden.

Jens Gulden denkt, dass die Probleme in Zukunft noch zunehmen. „Die Gebäude sind ja da und werden bleiben.“ Er rät daher zur Vorsicht bei der Wohnungssuche: „Man muss den Menschen klar machen, dass sie hellhörige Wohnungen meiden müssen, weil sie eine Belastung sind“, sagt er. „Man schränkt sich in seiner Freiheit ein.“

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