Weg mit dem Wachstum  

Kreuztal..  „Ich bin 1,74 Meter groß und ich will nicht mehr wachsen“, sagt Uwe Steimle. Die Zuhörer in der Kreuztaler Stadthalle lachen. Dazu gibt es reichlich Gelegenheit am Donnerstagabend. Manchmal auch zum Staunen. Immer wieder aber bleibt die Fröhlichkeit auch im Halse stecken, weil der Kabarettist und bekennende Dresdner in Bereiche abschweift, die nachdenklich machen. Und an der Intelligenz des ansonsten so brillanten Beobachters auf der Bühne zweifeln lassen.

Erfinder der „Ostalgie“

Das mit dem Wachstum hat wenig mit der Körpergröße des 52-jährigen Sachsen zu tun. Seine Kritik und hörbare Verachtung des Wachstums- und Leistungswahns im Deutschland des 21. Jahrhunderts gehört zu den stärksten Momenten des Abends, der unter dem Oberbegriff „Heimatstunde“ steht, wie das aktuelle Buch des Künstlers.

Heimat wie Steimle sie sieht, das ist über weite Strecken vor allem ein Schwelgen in dem, was Sachsen für ihn ausmacht. Er erzählt vom Striezelmarkt und gibt Tipps, wie ein Stollen schmecken muss und am besten verzehrt wird. Oder besser „gefressen“, denn das ist das Wort, das Uwe Steimle in diesem Zusammenhang immer wieder genüsslich benutzt. Wenn er dann auf der anderen Seite über gewisse Kaffeeanbieter herzieht, wenn er 200 Gramm Leberwurst in einer Fleischerei bestellt, die ihm ohnehin schon mit dem Slogan „Hirn to go“ die Stimmung verdorben hat und die Verkäuferin dann mit einem „aber gerne doch“ antwortet, ist er wieder bei seinem anderen Lieblingsthema angekommen. Was ist das für eine Welt, in der er „25 Jahre nach der Kehre“ leben muss, in der ihm überall solche Phrasen entgegengegrinst werden, wo alles „authentisch“ sein muss und wo sich 39-jährige Frauen im Fernsehen Sexnachhilfe von Erika Berger holen. „Wir brauchten so etwas vor 89 nicht. Wir waren einfach da“, meckert der Sachse.

Überhaupt dieser Begriff. Wenn er von seinen Auftritten „in der Bundesrepublik“ spricht, oder „hier bei Ihnen“ sagt, dann klingt in geradezu verstörender Weise heraus, dass der Mann offenbar immer noch eine Demarkationslinie – oder mehr – überfährt, wenn er von Thüringen nach Hessen kommt. Steimle, der als Erfinder der „Ostalgie“ gilt, suhlt sich in seinen Erinnerungen an den Arbeiter- und Bauernstaat. „Unrechtsstaat. Dazu will ich Ihnen mal was sagen. Die ‚DDR’ war ein Unrechtsstaat, in dem es viel Gerechtigkeit gab. Die ‚BRD’ ist ein Rechtsstaat mit viel Unrecht“, drückt der „studierte Schauspieler“ heraus, der für die Linke in der Bundesversammlung saß.

Und schiebt eins nach. In der ‚DDR’ habe man sich um die Menschen gekümmert und die Häuser vernachlässigt. „Hier nun…“, setzt er an und hört auf, als verhaltener Applaus einsetzt.

Kapitalistische Einheitsparty

Steimles „Erich“-Parodien sind legendär. Ein bisschen Kritik schwingt da mit, aber deutlich mehr Zuneigung, als für Honeckers Landsmann Heiko Maaß, der für den Sachsen nicht mehr als eine „Flachzange“ und ein „Arsch“ ist, vor allem nach dessen Kritik an Pegida. Steimle präsentiert sich als Unterstützer der neuen Protestbewegung, bei der „ich übrigens keine Islamkritik gehört, dafür aber viele russische Fahnen gesehen habe“. Und das ist eindeutig als Lob gemeint; an Leute, die ja nur auf eine völlig verfehlte Politik aufmerksam machen, von einer Regierung, deren Parteien sich in ein paar Jahren garantiert zur „Kapitalistischen Deutschen Einheitsparty mit Kanzler Sigmar Merkel“ zusammenschlössen, „wir sind doch ganz klar auf dem Weg“, und von einem Parlament, in dem es fast „nur verkappte Lehrer gibt. Arbeitsscheues Gesindel! Die müssen alle weg.“ Das meint er eindeutig nicht ironisch. Auch nicht den Ärger über die für ihn einseitig berichtenden „Qualitätsmedien“. Immerhin verzichtet Steimle auf den Begriff „Lügenpresse“. Aber er liegt in der Luft.