Walter Krämer wird in Siegen nicht geehrt
25.05.2011 | 21:56 Uhr 2011-05-25T21:56:00+0200
Siegen. Der Appell des Zentralrats der Sinti und Roma, die Transparente im Ratssaal und die geheime Abstimmung nutzten nichts: Die Benennung einer zentralen Brücke nach Walter Krämer ist erneut und denkbar knapp an einer konservativen Mehrheit gescheitert.
SPD, Grüne und Linke hatten beantragt, die beiden zentralen neuen Brücken, die an Stelle der Siegplatte errichtet werden sollen, nach dem Siegener Politiker und Maria Rubens zu benennen. Der als „Arzt von Buchenwald" bekannt gewordene Siegener Kommunist war 1941 von Nazis im KZ Buchenwald ermordet worden. Zuvor hatte er sich unter Lebensgefahr für seine Mithäftlinge eingesetzt und vielen von ihnen das Leben gerettet. Dafür wurde Krämer posthum von der zentralen israelischen Holocaustgedenkstätte Yad Vashem die höchste Ehrung zuteil. Noch im April wurde Krämer von der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dor geehrt und mit einer Gedenktafel im ehemaligen Krematorium - als einziger Deutscher - gewürdigt.
32 gegen 36 in
geheimer Abstimmung
Vor allem die CDU hatte sich gegen die Ehrung ausgesprochen. Doch diskutiert werden sollte nach Willen der Antragsteller - SPD, Grüne und Linke - nicht. „Es scheint uns der Würde der Person Walter Krämers nicht gerecht zu werden, diesen Vorschlag einer Debatte zu unterwerfen", begründete SPD-Fraktionschef Detlef Rujanski zu Beginn. „Vor diesem Hintergrund werden wir uns auch nicht an einer etwaigen Diskussion beteiligen", stellte er klar. Allerdings - darauf drängte Michael Groß (Grüne) im Namen der drei Fraktionen - wurde geheim abgestimmt. „Damit alle Stadtverordneten ohne öffentlichen Druck auch aus ihren Fraktionen abstimmen können“, argumentierte der Grünen-Fraktionschef.
Dies hatte - ebenso wie das Hochhalten von Transparenten und Spruchbändern durch Mitglieder der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten - nicht die nötige Wirkung. Sie forderten die Politiker auf, nicht am 16.12., sondern auch heute diesen großen Humanisten zu würdigen: „Geh(t) denken“ stand auf einem der Banner, neben dem Konterfei von Walter Krämer. Erfolglos: Mit 32 Ja- und 36 Nein-Stimmen (bei einer Enthaltung) scheitere der Ehrungsantrag. Damit findet die jahrzehntelange Debatte um eine angemessene Ehrung des Siegener Politikers Walter Krämer findet erneut keinen Abschluss.
„Denkt an Kreuztal und Flick“ rief einer der erbosten Zuhörer. „Das blüht euch auch jetzt“, rief er beim Verlassen. Dort hatte sich die CDU gegen die Umbenennung des nach dem verurteilten Kriegsverbrecher Friedrich Flick benannten Gymnasiums gestimmt - und war bei den Wahlen abgestraft worden.
12:59
Ich muß sagen, ich hatte mehr von der CDU erwartet, denn auch dort spricht seit längerem eine neue Generation. Leider Fehlanzeige. Man scheint wenig geschichtsbewußt. Weiß man nicht, daß die Siegerländer CDU ihre Wurzeln in der antidemokratischen und antisemitischen Deutschnationalen Volkspartei hat? Die DNVP war eine Weggefährtin und enge Partnerin der NSDAP. Damit steht die regionale CDU im Gegensatz zu anderen in der Partei, die sich auf das katholische Zentrum beziehen können, eine Partei der demokratischen Mitte, nicht des Rechtsradikalismus wie die DNVP.
Eine große Geschichtslücke klafft, da sollten die Damen und Herren sich mal schlau machen. Sie würden dann z. B. auf Ernst Bach, Oberbürgermeister der Stadt Siegen, stoßen. Das wurde er 1948. Er war führender Funktionär und Aktivist der Siegerländer und der westdeutschen DNVP gewesen. 1920 nahm er als Angehöriger eines Sprengkommandos an den Kämpfen der rechtsextremistischen Freikorps im Ruhrgebiet teil. Dabei habe er einen französischen Kriminalbeamten niederstechen müssen, wie er erklärte. Den britischen Militärbehörden galten er und seine Clique als Militaristen, denen jeder Versuch der Demokratisierung zutiefst fremd sei. 1959 verschwand der Bundesschatzmeister der CDU aus der großen Politik: nach einem Riesenspendenskandal. Er hatte der CDU mit Tarnfirmen Großspenden aus der Industrie zusammengegaunert. Zu den zahlreichen Ehrungen, die ihm zukamen, gehört eine Straßenbenennung durch den Rat der Stadt.
Die Partei des Walter Krämer, also die KPD, stand zu solchen Traditionen mindestens insofern in einem Gegensatz, als sie das Aufkommen der NSDAP nach Kräften bekämpfte. Die kleinste Partei im Rat der Stadt Siegen hatte nach dem Ende des Nationalsozialismus dann die meisten Toten zu beklagen, Krämer war ja nur einer von ihnen.
Die CDU hat also Anlaß, zu einem kritischen Blick auf ihre Vergangenheit. Große Worte an Gedenktagen sind schon etwas mehr als das schiere Schweigen, aber doch nur Worte noch nicht Handeln. Daraus erst ergibt sich vergangenheitspolitische Glaubwürdigkeit. Mit ihrer Entscheidung zu Krämer, hat man eine gute Chance vergeben.
13:53
Peinlich peinlich in einer Stadt zu leben, wo Parteien mit solchen Betonköpfen die Geschicke der Stadt so maßgeblich beeinflussen dürfen.
Wut macht sich breit auf diese hinterweltlerischen Konservativen, die sich nicht zu schade sind, das längst fällige ehrende Andenken an diesen überragenden Humanisten hinter ihre verbohrten Ressentiments zurück zu stellen.
Schämt Euch, Ihr Christlichen aus der Union und allen voran Bürgermeister Steffen Mues! Ich hoffe, Ihr schämt Euch nur halb so viel für diese Entscheidung wie ich mich für Euch!
00:03
Eine Schande - fürwahr!
Aber auch Aufklärung!
Christliche, Liberale und andere Bürgerliche jiepern nach Engagement und Ehrenamt - In der Sprache der Bibel ausgedrückt: Nächstenliebe!! Und dann hätte man einen Mann aus der Heimat, der genau dies unter VON UNS NICHT VORSTELLBAREN Verhältnissen praktizierte - und dann war der - horribile dictu - Kommunist!
Da gibt es nur Beton in einem Ausmaß, dass die Berliner Mauer zur Grundstücksbefestigung degradiert wird!
Mit welcher Glaubwürdigkeit wollen diese Herr- und eindrucksvollen Damenschaften denn am nächsten 16.12. als HüterInnen der Demokratie auftreten, die den Neofaschisten einmal so richtig zeigen, wo es lang geht?
Mit diesen verqueren Parteien kann man nicht denken gehen! Auch wenn da Andre zu finden sind, die den Ungeist der Kalte-Krieg-Zeiten scheinbar abgeschüttelt haben.
23:28
Neue Ufer - Neue Blamage!
Es ist schon erstaunlich, wie eine CDU Stadtratsfraktion über Jahrzehnte hinweg die öffenliche Meinung vor Ort und darüber hinaus nationale und internationale Ehrungen Walter Krämers ignoriert.
Sich an der öffentlichen Debatte nicht beteiligt sondern einfach nur Antrag um Antrag ablehnt.
Siegen zu neuen Ufern und die Benennung der Brücke nach Walter Krämer wäre eine würdige Ehrung dieses Mannes gewesen, die CDU hat es nicht begriffen und sich und damit auch die Stadt Siegen ein weiteres Mal blamiert!