Von Windeln und Wutbürgern
28.12.2010 | 17:16 Uhr 2010-12-28T17:16:00+0100
Freudenberg. Auch Freudenberg hat den einen oder anderen „Wutbürger“: Ähnlichkeiten mit Stuttgart 21 wären rein zufällig und obendrein noch von weit bescheidenerer Dimension.
So beim Streit um die Abschaffung der Windeltonne, der den Rat im abgelaufenen Jahr 2009 schon beschäftigte, Anfang 2010 aber wieder aufflammte. Gefunden wurde im Januar eine salomonische Lösung.
Der harte Winter macht sich auf den Nebenstraßen bemerkbar, wo kein Streu- und Räumdienst hinkommt. Auch dort „Wutbürger“, die am Kiefernweg Gleichbehandlung fordern. Die an Freudenberg vorbeiführende Autobahn 45 soll eine zusätzliche Auffahrt bekommen. Vorgabe aus Berlin ist allerdings, dass die über 40 Jahre alte Fernstraße nicht überfordert werden darf.
Ruf nach neuen
Gewerbegebieten
Im neuen Gewerbegebiet Alte Eisenstraße gibt es im Februar kaum noch freie Flächen. Später im Jahr wird der Ruf nach neuen Gewerbeflächen laut – nur weiß niemand, wo. Kämmerer Jörg Schrader sieht in eine düstere Zukunft angesichts des 6,7 Millionen Euro großen Haushaltsdefizits und denkt über interkommunale Zusammenarbeit nach; im Sommer wird es spruchreif: Mit Wilnsdorf wird eine Kooperation im Bereich von Personal und Finanzen gestartet.
Die beiden Freudenberger Bäder müssten für 2,2 Millionen Euro saniert werden. Die Stadt denkt über Alternativen nach. Gegen die Leerstände in der Altstadt empfiehlt die Analyse der Uni Siegen kulturelle Angebote. Das Tauziehen um das Hotelgrundstück am Freibad beginnt: Nachdem jahrelang kein Interessent gefunden wurde, gibt es nun zwei. Investor Jochen Sting aus Wiesbaden, der dort ein Altenwohn- und Pflegeheim errichten will, verlangt eine Option auf das Grundstück. Die Politik drängt auf eine klare Entscheidung – ob die österreichische JuFa-Gruppe den Zuschlag bekommen soll, oder der Einzelinvestor.
Die Stadtsparkasse Freudenberg bleibt von der Finanzkrise verschont und erzielt ihren höchsten Gewinn seit Bestehen. Vor dem Hintergrund des wachsenden Bedarfs an Betreuungsplätzen für Kinder unter drei Jahren wird in Freudenberg unter der Regie der Gleichstellungsbeauftragten Kornelia Six ein Netzwerk für Kinderbetreuung initiiert. 30 Frauen beteiligen sich daran.
Die CDU lehnt im März die Bildung eines Seniorenbeirats ab, obwohl der Koalitionspartner FDP dies beantragt hat. Letztlich bleiben die Liberalen erfolgreich, wenn sich auch die CDU der Stimme enthält. In Zeiten der finanziellen Not ist im April der Eigenanteil der Stadt für die U3-Betreuung in Frage gestellt. Im Sommer lässt der Landrat alle Nothaushaltskommunen wissen: Der Innenminister untersagt ihnen, für die freien Träger in die Bresche zu springen.
Das eingestürzte Stadtarchiv Köln hat einige Regalmeter an Dokumenten in Freudenberg untergebracht. In den nächsten Jahren wird das Rathaus auch einer der 19 Schauplätze des großen Puzzles zur Wiederherstellung des Archivs.
Die Übernahme des Stromverteilungsnetzes überlegen 19 Städte und Gemeinden in Südwestfalen. Unter Federführung von Freudenberg wird über die Erschließung dieser neuen Geldquelle nachgedacht. Eine Entscheidung über die Ansiedlung des Jugendhotels am Gambachsweiher soll bis Juni gefällt sein. Aber es dauert schon noch einige Monate länger, bis sich Stadt und Investor auf ein Zeitfenster bis zur endgültigen Entscheidung einigen.
In der Mittelstraße wird mit der Sanierung des vom Verfall bedrohten Doppelhauses begonnen. Aufwendig werden die erhaltenswerten Teile abgestützt. Mit Geldern vom Land kann die Stadt das Projekt stemmen. Dort sollen alten- und behindertengerechte Wohnungen entstehen. Währenddessen sind die Arbeiten am Alten Backes nicht im Zeitplan. Ohnehin gilt das mehrfach umgebaute Haus als Denkmal von eingeschränktem Wert.
Im Baugebiet Pfarrwäldchen in Oberholzklau gibt die Stadt die Dachform frei, zumal die Festlegungen im Bebauungsplan von vielen Bauwilligen als unnötige Einschränkungen angesehen werden und deshalb auch die Nachfrage stockt. Im Mai kündigen sich mehrere Großbaustellen an: Die Freudenberger Ortsdurchfahrt wird bis zum Herbst für Schwerverkehr gesperrt. Ebenfalls ausgebaut werden die L 562 zwischen Lindenberg und Büschergrund und der Pendlerparkplatz auf der Wilhelmshöhe. Die Ortseinfahrt in Lindenberg wird mit einer Fahrbahnverschwenkung versehen, die aber bald auf heftigen Protest weiterer Wutbürger stößt, so dass der Landesbetrieb die „Schikane“ um gut einen Meter zurücknehmen muss.
Die inzwischen erfolgte Elternbefragung zur künftigen Gestaltung der Schullandschaft ergibt im Juli den Wunsch nach einem verbesserten Angebot innerhalb der Stadtgrenzen, wenn auch der Ganztag nicht an erster Stelle steht. Bei einem Sanierungsstau von zwei Millionen Euro an allen Freudenberger Schulen bieten sich verschiedene Lösungen an.
Bei einer Enthaltung passiert der Haushalt den Rat der Stadt. Ist Freudenberg auch arm, so gelten seine Einwohner doch als spendenfreudigste in NRW – zumindest aus Sicht der Christoffel-Blindenmission, die der Bürgerschaft für ihre Großzügigkeit mit einer Urkunde dankt. Der Kommune fehlt allerdings das Geld für die Sanierung des Hohenhainer Tunnels. Zur Sicherheit muss die als Rad- und Wanderweg genutzte Röhre mit Netzen gesichert werden.
Im Mai werden dem Bürgermeister Unterschriften für Erhaltung der Bäder überreicht.
Im Juni kündigt die Post Millioneninvestitionen auf der Wilhelmshöhe an; angeschafft wird ein noch schnelleres Sortiersystem. Im Juli überrascht der österreichische JuFa-Konzern die Stadt mit neuen Bedingungen: Zusätzlich zum Grundstück soll die Stadt sich auch um den Baukörper kümmern.
20 Jahre Partnerschaft
mit Mór in Ungarn
Ein Jugendforum soll die Bedürfnisse der jüngeren Generation ermitteln. Ein Jugendbeirat ist nicht gewünscht, wohl aber ein Ansprechpartner und mehr Transparenz. Gegen die getrennte Abwassergebühr haben elf Grundstückseigentümer Klage eingereicht. 20 Jahre besteht im Herbst die Partnerschaft mit der ungarischen Stadt Mór. Erst gibt es im August einen Festakt in Freudenberg, einige Wochen später in Mór. Auch in Freudenberg gründet sich eine Lebensmittelausgabestelle: Der Freudenberger Tisch nimmt im Oktober die Arbeit auf. Das Jahr endet mit der Wahl des Seniorenbeirats in mehreren Versammlungen in den Stadtteilen. Für Freudenberg kristallisiert sich im November die Gemeinschaftsschule als Lösung der Schulprobleme heraus. Alle Fraktionen außer der AL sind für einen gemeinsamen Antrag. Auch der Backes ist endlich fertig und bietet Stadtbücherei, Touristikbüro und Jugendtreff ein neues Domizil. In Büschergrund muss der Kampf um die Kastanien an der Eicher Feldstraße aufgegeben werden. Anlieger entfernen die ortsbildprägenden Bäume.
06:23
Beteiligung durch Familienwahlrecht!
Der Wutbürger ist doch ein Synonym für das Empfinden, bei Entscheidungen nicht ausreichend mit einbezogen zu werden.
Das muss sich grundsätzlich ändern. Die Zukunftsfähigkeit der Demokratie hängt an der Gerechtigkeit, jedem Menschen eine Stimme zu geben. Gerade die junge Generation wird von den heutigen Entscheidungen in Ihren Lebens-Chancen bestimmt.
Deshalb ist ein Familienwahlrecht notwendig, um auch den Interessen unserer Kinder bei Wahlen eine Stimme zu geben.