Virtuose auf der Quetschkommode

Beim Kammerkonzert im
Beim Kammerkonzert im
Foto: Wolfgang Leipold
Was wir bereits wissen
Krisztián Palágyi verzaubert das Publikum mit seinem Akkordeon im Apollo

Siegen..  Jeder kann es in einem Koffer mitnehmen. In der Volksmusik nennt man es Schifferklavier, alte Siegerländer sagen Quetschkommode. Das Akkordeon hat es schwer, als Konzertinstrument ernst genommen zu werden. Vielleicht ist das auch der Grund, warum beim Kammermusikabend im Apollo-Theater sehr, sehr viele Plätze frei bleiben. Doch diejenigen, die gekommen sind, werden reich belohnt.

An den Anfang des Abends hat der junge, als Sohn einer ungarischen Familie in Serbien geborene Akkordeon-Virtuose den König der Kompositionskunst, Johann Sebastian Bach, gestellt. Man erwartet Fugen und bekommt sie auch. Dazwischen schieben sich ruhige, fast beschauliche Klänge, zum Meditieren nach einem Frühsommertag wie geschaffen. Doch bevor der Zuhörer einnickt, ein Rondo, tänzerisch leicht, beschwingt und belebend. Bach geht auch auf dem Akkordeon.

Der musikalische Sprung in die Neuzeit könnte kaum größer sein. Akkorde, so überraschend und spannungsgeladen, dass dem Ohr und Gehirn keine Sekunde der Erholung bleiben: Ein Werk des 50-jährigen Franzosen Bruno Mantovani. Krisztián Palágyi befingert beide Tastaturen des Instruments mit atemberaubender Geschwindigkeit. Ein rhythmischer und klanglicher Dialog entsteht, manchmal dem lauten Palaver zwischen zwei Streithähnen ähnlich. Der Phantasie des Zuhörers wird grenzenlose Freiheit gewährt, die aber plötzlich und abrupt wie an der Kante eines Abgrunds endet.

Noch nie auf diese Weise gehört

Dass ein Künstler auf einem Akkordeon auch Geschichten erzählen kann, zeigt ein Werk Alfred Schnittkes, das er nach Nikolai Gogols Roman „Die toten Seelen“ komponierte. Es handelt von einem Betrüger im alten Russland, der verstorbene Leibeigene, die noch nicht im Sterberegister stehen, an Geldanleger verkauft und damit glänzende Geschäfte macht. Walzer- und Polka-Rhythmen wechseln sich ab mit bewusst „hineinstörenden“ Tönen, schrägen Effekten und plötzlichen Pausen.

Kammermusik muss nicht immer das Harmoniebedürfnis des Publikums bedienen. Sie darf und muss auch ungewohnt, provozierend sein, sich in neuen Bahnen bewegen und Hörerwartungen durchkreuzen. Zumindest manchmal. Der Akkordeon-Künstler schafft es, durch sein klug zusammengestelltes Programm dann auch wieder das klassische Kammermusik-Publikum zu erfreuen. Zum Beispiel mit einer Komposition des Klaviervirtuosen Franz Liszt oder einem Stück zum Zurücklehnen ganz zum Schluss: Motive aus Bizets „Carmen“, tausendmal gehört, aber noch nie auf diese Weise.

Eins hat der Abend nicht geschafft: Das Phänomen des Instruments Akkordeon und seine virtuosen Möglichkeiten, zwei weit auseinanderliegende, mit unzähligen nahezu gleichen Knöpfen ausgestatteten Manualen begreifbar zu machen. Ist es mehr ein Klavier oder eher eine Orgel? Im Gegensatz zu einer raumfüllenden Orgel passt es in einen Handkoffer.

Im Vergleich zu einem Klavier mit seinen klar aufgebauten 88 Tasten braucht sich ein Akkordeon mit der breiten Palette verschiedener Klangmöglichkeiten und Effekte nicht zu verstecken. Erst recht nicht in den Händen eines solch virtuosen, sympathischen Künstlers. Und Krisztián Palágyi ziert sich nicht lange, die heftig eingeforderten drei Zugaben zu gewähren: Er spielt sie einfach.

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