Vater der toten Babys sagt im Prozess in Siegen aus

Babyleichen-Prozess vor dem Landgericht Siegen: Die 32-jährige Mutter der eingefrorenen Jungen ist wegen zweifachen Totschlags angeklagt.
Babyleichen-Prozess vor dem Landgericht Siegen: Die 32-jährige Mutter der eingefrorenen Jungen ist wegen zweifachen Totschlags angeklagt.
Foto: Boris Schopper/WP
Was wir bereits wissen
Im Prozess um die Babyleichen, die im vergangenen Jahr in Bonn und in Siegen gefunden wurden, sprach am Donnerstag der Vater der Säuglinge.

Siegen.. Ihre Stimme stockt. Nur mit Mühe bringt sie über die Lippen, dass sie sich nicht vor Gericht äußern wird. Die Mutter (57) der Siegenerin, der zweifacher Totschlag vorgeworfen wird, macht von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch.

Die 32-Jährige, so ließ sie am ersten Prozesstag vor dem Siegener Schwurgericht von Anwältin Katharina Batz verlesen, hat 2013 einen Jungen in Bonn und im vergangenen Jahr einen weiteren Jungen in Siegen zur Welt gebracht. Die Leichen der beiden Säuglinge wurden am 10. August 2014 jeweils in Tiefkühlfächern gefunden (wir berichteten). An Prozesstag drei stehen Menschen aus der unmittelbaren Umgebung der Promotionsstudentin im Blickpunkt.

Partner

In der Beziehung zwischen der 32-jährigen Beschuldigten und ihrem Freund – er gilt als Vater der beiden Säuglinge – habe es zusehends Probleme gegeben, sagt der 36-jährige Unternehmensberater am Donnerstag im Zeugenstand. „Es hat sich sehr stark angedeutet, dass wir uns trennen wollen.“ Ihren 32. Geburtstag feiert die Angeklagte noch gemeinsam mit ihm und ihren Eltern in einem Siegener Restaurant.

Doch sie beschließen ein Aus auf Zeit. Sie wollen die Therapie abwarten, erläutert er, die sie von ihrer Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit kurieren soll. „Die Suchtproblematik hat sich zugespitzt.“ Er verbringt mit ihr eine letzte Nacht in der Dachgeschosswohnung im elterlichen Haus. Sie werden intim. Drei Tage später findet die Polizei die Babyleichen. Von einer Schwangerschaft – insbesondere von der zweiten – will er nichts bemerkt haben.

Bloß: „2013 habe ich mitgekriegt, dass sie an Umfang zugelegt hat.“ Er fragt sie, ob sie schwanger ist, „sie hat das aber verneint“, sagt er. „Ich habe das auf mögliche Essstörungen zurückgeführt.“

Nachbarn

„Sie war wie meine Tochter“, sagt eine Nachbarin (69). Sie wohnte in demselben Haus in Bonn. „Es war ein ganz inniges Verhältnis“. Die 32-Jährige und ihr Freund seien immer zuvorkommend gewesen. „Wenn ich etwas Schweres zu tragen hatte, haben sie mir geholfen.“

Spannungen zwischen den beiden? Nein, betont sie, davon hat sie nichts mitbekommen. Alkoholprobleme bei der Angeklagten? „Ich habe sie in fünf Jahren nur einmal betrunken gesehen.“ Sie torkelte über die andere Straßenseite. „Ich bin rüber und habe ihr geholfen, sie in ihre Wohnung gebracht.“ Und Schwangerschaften? 2013 war es. „Da habe ich gefragt: ,Bist du schwanger?’ – sie sagte: ,Nein, um Gottes Willen, nein’.“

Beschuldigte erzählt von Fehlgeburt

Im Gerichtssaal sitzt eine ehemalige enge Freundin (32). 2004 haben die zwei gemeinsam begonnen, zu studieren. Im zweiten Semester wurde der Kontakt enger. Kurz nachdem die Angeklagte ihren Partner kennengelernt hatte, soll er schon von Heirat gesprochen haben. „Ich bin ihm deshalb skeptisch begegnet.“

Die Freundschaft der beiden Frauen schlief zunehmend ein. Im Oktober 2013 schrieb die Beschuldigte ihr per Facebook, dass sie eine Fehlgeburt gehabt habe. „Sie hat mir erzählt, die beiden würden gern Kinder haben.“ Karneval 2014 sehen sich die Freundinnen zum letzte Mal. Die Zeugin kündigt ihr sogar die Facebook-Freundschaft: „Ich hatte den Eindruck, sie hätte nur noch Zeit für ihren Partner.“

Kollegen

Die 32-jährige Promotionsstudentin ist von Februar 2012 bis August 2014 in einer Bonner PR-Agentur stundenweise beschäftigt. Ihre Chefin (49) berichtet von Unzuverlässigkeiten. Sie sei häufiger nicht zur Arbeit gekommen. Sie habe häufiger nicht Bescheid gesagt, wenn sie aus irgendwelchen Gründen nicht da war. Aber sie war gut. Sie schrieb medizinische Texte für Kunden aus dem Gesundheitssektor. „Ich habe über die Unzulänglichkeiten hinweggesehen, weil ich nicht auf sie verzichten wollte.“

Eine Kollegin (29) bestätigt die unschöne Seite dieses Eindrucks: „Man hatte manchmal das Gefühl, dass sie nicht da war, wenn man sie gebraucht hätte.“ Im Büro machen gesundheitliche Probleme der Doktorandin die Runde. Die Rede ist von einer Operation an den Eileitern. Sie habe häufig über Bauchschmerzen geklagt. „In ihrem Büro lag eine Wärmflasche“, sagt die Chefin.

Und 2013 hat sie die 32-Jährige ermahnt. Wiederholt sei sie mit einer Alkoholfahne zur Arbeit erschienen. Sie sagte damals, das sei kein Schnaps sondern Aceton und hänge mit einer Stoffwechselerkrankung zusammen.

Eltern

Weder die Mutter noch der Adoptivvater (57) äußern sich. Gemeinsam mit einem Anwalt erklären sie, dass das Schwurgericht auf ihre Aussagen verzichten muss. Sie nehmen ihre Tochter kurz in den Arm und verlassen unter Tränen den Gerichtssaal.

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