Väter in Elternzeit sind in Südwestfalen eine Minderheit

Tobias Quast nimmt sich Zeit für Tochter Mila und Ehefrau Maika.
Tobias Quast nimmt sich Zeit für Tochter Mila und Ehefrau Maika.
Foto: Volker Hartmann/Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Im industriell geprägten Südwestfalen scheint die Elternzeit für Väter noch immer nicht recht akzeptiert. Doch es gibt Ausnahmen.

Siegen/Wilnsdorf.. Nur auf dem Papier gehört Tobias Quast zur großen Mehrheit: Nach der Geburt seiner Tochter Mila ist er weiter zur Arbeit gegangen. Vätermonate hat er nicht genommen. So wie neun von zehn Vätern in Südwestfalen auch. Männer in Elternzeit sind hier eine große Minderheit.

Zwei oder mehr Monate ganz aus dem Beruf heraus – darauf hat Tobias Quast verzichtet, weil seine Frau Maika sich nach der Geburt der Tochter eine Selbstständigkeit aufgebaut hat. In der Umbruchzeit brauchte die Familie sein Gehalt.

Partnerin ist oft nur geringfügig beschäftigt

„Eine unsichere oder geringfügige Beschäftigung der Partnerin“ ist einer von vielen Gründen, den Christine Demmer nennt, aus dem Männer in Südwestfalen auf Elternzeit verzichten. Die Erziehungswissenschaftlerin an der Uni Siegen forscht derzeit über die jungen Väter in Südwestfalen.

Tobias Quast hat einen anderen Weg gefunden, viel Zeit mit seiner Tochter zu verbringen, eine Bindung aufzubauen und seine Frau zu entlasten. Als stellvertretender Pflegedienstleiter am Martinus-Hospital genießt er viel Flexibilität.

Elterngeld Elternzeit ist nicht überall akzeptiert

Er kann von zu Hause aus arbeiten oder tagelang bis in den Abend hinein, um die Überstunden abzubauen, wenn Frau oder Tochter krank sind oder der Kindergarten geschlossen ist. Soweit der Klinikbetrieb es zulässt, versucht der Pflegedienstleiter, auch seinen Mitarbeitern etwas von dieser Flexibilität einzuräumen, ihre Wünsche bei Nacht- und Sonntagsdiensten zu berücksichtigen. Teilzeitbeschäftigung – das sei im Krankenhaus ohnehin gang und gäbe.

Jedoch nicht bei manchem anderen Arbeitgeber in der Region, hat er beobachtet. Im industriell starken Südwestfalen sei die Elternzeit für Väter noch längst nicht so akzeptiert, auch unter den Kollegen nicht, so Quasts Eindruck.

Väter in Sorge vor beruflichen Konsequenzen

Die kleinen und mittelständischen Betriebe in der Region können nicht ohne Weiteres länger auf ihre männlichen Fachkräfte verzichten, hat auch Demmer in Interviews mit Vätern sowie Gesprächen mit Gleichstellungsbeauftragten erfahren. So hätten viele Väter Sorge vor negativen beruflichen Konsequenzen. Mütter plagten die zwar auch, sie nähmen das Risiko aber in Kauf, so Demmer.

Vielleicht aber liegt das Problem auch bei den Mitarbeitern, nicht allein bei den Chefs, deutet Dominik Eichbaum an. Zwei Vätermonate hat der Siegener 2014 genommen. Daher kennt er die Bedenken, dass man etwas „verpassen“ könnte in einer Zeit, in der der Arbeitsrhythmus schneller werde. „Es ist eine Herausforderung zu erkennen, dass man aus dem Rhythmus vorübergehend ausbrechen kann.“

"Das gibt mir Freiheit und Kraft"

Ganz gleich, wie sie sich den Freiraum geschaffen haben, darin sind sich beide Väter einig: Die Zeit mit den Kindern bringt sie voran, im Beruf wie persönlich. „Das gibt mir unheimlich viel Energie und Kraft“, sagt Tobias Quast. Wenn er sich allein für den Beruf verausgaben würde, hätte die Klinik weniger von ihm, ist er überzeugt.

Deshalb rechneten einige Unternehmen in Deutschland Auszeiten für die Familie bei anstehenden Beförderungen positiv an, ergänzt Eichbaum, Mitarbeiter der Wirtschaftsförderung in Siegen. Ein glücklicher Mitarbeiter sei gut für die Entwicklung der Firma.

„Wickelvolontariat“ Die alte Rollenverteilung

Doch es brauche Zeit, bis sich die Überzeugung durchsetze, nicht nur in den Betrieben, sondern auch bei den Vätern und Müttern, glaubt Eichbaum. „Hier in Südwestfalen werden noch traditionelle Familienmodelle gelebt“, sagt er. Die alte Rollenverteilung hält auch Tobias Quast für den Hauptgrund, warum so wenige Väter in der Region Elternzeit nehmen.

Wenn sich die Papas aber einmal für die Elternzeit entschieden haben, dann würden die meisten von ihnen es immer wieder tun, so ein Zwischenergebnis der Wissenschaftlerin Christine Demmer.

So wie Dominik Eichbaum. Im Februar erwartet sein Frau das zweite Kind, dann will er mehr als zwei Monate zu Hause bleiben. Wenn man das große Glück habe, ein Kind zu bekommen, dann müsse man ihm Vertrauen und Stabilität als Stütze für das ganze Leben mitgeben, indem man eine sichere Bindung aufbaue. Auch als Vater.