Teilhabe nur durch Koordination

Siegen..  Die Leistungen, die Menschen mit Behinderungen Teilhabe an allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ermöglichen sollen, „sind unkoordiniert und bürokratisch“. Zu diesem Schluss kommt das Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE) der Universität Siegen. Ein Experten-Workshop, zu dem die ZPE-Forschungsgruppe Teilhabeplanung um Prof. Dr. Albrecht Rohrmann und Prof. Dr. Johannes Schädler eingeladen hatte, befasste sich mit Möglichkeiten zur Verbesserung.

Deutsches System noch zersplittert

Das ZPE untersucht nach eigenen Angaben seit einigen Jahren „wie die konzeptionelle Modernisierung des Leistungssystems für Menschen mit Behinderungen mit intelligenten Finanzierungsformen so verknüpft werden kann, dass die Prinzipien der Selbstbestimmung und der bedarfsgerechten Hilfe zum Tragen kommen“, wie es in einer Mitteilung heißt. Grundlegend sei dabei – im Anschluss an die UN-Behindertenrechtskonvention – die Leitidee der Inklusion.

Die Ergebnisse der ZPE-Forschungsgruppe zeigen Handlungsbedarf: Sie „unterstreichen, dass die Wirksamkeit der Teilhabeleistungen für Menschen mit Behinderungen durch unzureichende Kooperation und Koordination der Leistungsbereiche und -anbieter erheblich beeinträchtigt wird“, so das ZPE. Das Rehabilitationssystem sei in hohem Maße zersplittert. Dies gehe zu Lasten der leistungsberechtigten Menschen, die oft intensiv auf Unterstützung angewiesen seien – aber oft „mit umständlicher Bürokratie konfrontiert sind“.

Derzeit werde unter Federführung des Bundesarbeitsministeriums „mit Hochdruck daran gearbeitet, das geltende Rehabilitationsrechts zu reformieren“. Unter anderem werde sich der Bund künftig mit etwa fünf Milliarden Euro an kommunalen Kosten der Eingliederungshilfe beteiligen. Im Kern soll es im Reformvorhaben darum gehen, „die Tradition des alten Armenrechts endgültig zu überwinden und Leistungen verschiedener Rehabilitationsträger wie beispielsweise die Unfallversicherung, Krankenversicherung, Agentur für Arbeit oder die Leistungen der Sozialhilfe für behinderte Menschen besser zu koordinieren“, heißt es weiter.

Beim bundesweiten Expertenworkshop setzten sich die Fachleute insbesondere mit der Frage auseinander, wie eine bessere Zusammenarbeit der verschiedenen Stellen umgesetzt werden könne. „Wir wollten mit dieser Veranstaltung eine Diskussion initiieren mit dem Ziel, unsere Vorschläge zur gesetzlichen Verankerung von kommunaler und regionaler Teilhabeplanung in den Beratungsprozess zum neuen Teilhaberecht einzubringen“, sagt Prof. Johannes Schädler.

Kommunen haben noch Potenziale

Die Gruppe habe intensiv zum Thema der kommunalen Planung im Bereich der Teilhabeleistungen für Menschen mit Behinderungen geforscht und Konzepte entwickelt. „Wir können feststellen“, so Prof. Albrecht Rohrmann, „dass die Gestaltungspotenziale von Kommunen im Rehabilitationssystem bei weitem nicht ausgeschöpft werden.“ Vor dem Hintergrund der UN-Behindertenrechtskonvention, des veränderten Behinderungsverständnisses und gestiegener Erwartungen blockiere dies notwendige Innovationen.

Die laufenden Beratungen zur Reform des Teilhaberechts „eröffnen zwar die Chance, den lokalen Planungsauftrag für das Angebot an Diensten und Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen gesetzlich zu stärken“. Prof. Rohrmann und Prof. Schädler sind allerdings nur verhalten optimistisch, ob die Beratungsergebnisse des Workshops tatsächlich aufgegriffen werden: „Es gibt auf allen Seiten viel inhaltliche Einsicht in die Notwendigkeit verbesserter Kooperation, aber gleich viel Zurückhaltung und Sorge unter den verschiedenen Trägern der Rehabilitation, von der jeweils anderen Seite vereinnahmt zu werden“.