Tausenden Lehramtsstudenten in NRW droht die Exmatrikulation

Studienanfänger an der Universität Siegen im vergangenen Herbst. Älteren Semester droht nun die Zwangsexmatrikulation.
Studienanfänger an der Universität Siegen im vergangenen Herbst. Älteren Semester droht nun die Zwangsexmatrikulation.
Foto: Matthias Graben/Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Die Uhr tickt für Lehramtsstudenten in NRW: Wegen der Umstellung aufs Bachelor- und Master-System droht Tausenden Studenten die Zwangsexmatrikulation.

Hagen/Siegen.. Er gilt als Rekordhalter unter den Langzeitstudenten. 54 Jahre war ein Medizin-Student an der Universität Kiel Medienberichten zufolge im Jahr 2011 eingeschrieben, befand sich damals also im 108. Semester. Um solche Senioren geht es in Nordrhein-Westfalen nicht. Sondern um angehende Lehrer, die die Regelstudienzeit gerade einmal um vier Semester überschritten haben. Sie sollen ab dem kommenden Jahr zwangsexmatrikuliert werden.

Weil das Lehramtsstudium in NRW seit 2011 einheitlich auf einen Bachelor- und Masterstudiengang umgestellt ist, werden die künftigen Staatsexamenskandidaten demnächst herausgeworfen. Zum Ende des Sommersemester 2016 müssen die angehenden Grund-, Haupt- und Realschullehrer gehen, die bis dahin noch keinen Abschluss gemacht haben. Ein Jahr später sind die Studierenden an der Reihe, die ein Lehramt am Gymnasium, der Gesamtschule oder dem Berufskolleg anstreben.

Frist soll ohne Ausnahmen gelten

3000 Studenten sieht die Fachschaft in Siegen betroffen. Laut Uni-Verwaltung sind 1650 Studenten (von insgesamt 20.000) noch mit dem Abschluss Staatsexamen eingeschrieben. Die letzten hatten ihr Studium zum Wintersemester 2010/2011 aufgenommen. 1550 seien bereits zu den Prüfungen angemeldet, heißt es aus der Universität. Bestanden haben sie aber noch nicht. Das Examen muss allerdings einschließlich etwaiger Wiederholungsversuche bis zum Ende der Frist beendet sein.

Rechtschreibung Gründe, warum sie ihr Studium bisher noch nicht beendet haben, gibt es viele, erklärt Lara Lengersdorf vom Fachschaftsrat Geistes- und Sozialwissenschaften in Siegen. Die einen waren länger krank, die anderen haben kleine Kinder, manche haben sich an der Hochschule politisch engagiert oder müssen nebenbei arbeiten. „Ausnahmeregelungen gibt es in solchen Fällen nicht“, ärgert sich Lara Lengersdorf. „Gerade angehende Lehrer müssen über den Tellerrand schauen“, um später den Schülern ein breites Wissen vermitteln zu können, sie zu mündigen, kritischen Bürgern zu bilden, so Lengersdorf. Zudem sei es sinnvoll, dass den Lehramtskandidaten Zeit bleibt, sich neben dem Studium in der Jugendarbeit von Vereinen zu engagieren.

Fachschaften starten NRW-weite Kampagne

Im Übrigen, so gibt eine Vertreter der Gewerkschaft GEW zu bedenken, werden in manchen Fächern und Schulformen Lehrer gesucht. Sie von den Universitäten zu weisen, erscheine da nicht sinnvoll.

Deshalb beteiligt sich die Siegener Fachschaft nun an einer NRW-weiten Kampagne – gemeinsam mit Studentenvertretern aus Köln, Aachen, Paderborn. So will man die Landesregierung überzeugen, die Auslauffristen aufzuheben.

Bildung „Die Exmatrikulation ist der letzte Schritt, dazu sollte es aber nicht kommen, da entsprechende Übergangslösungen angeboten werden“, betont man in der Pressestelle der Uni Siegen. Man habe die Staatsexamens-Studenten frühzeitig auf die entsprechenden Fristen hingewiesen – und die Möglichkeit eröffnet, sich in einem anderen Studiengang einzuschreiben, beispielsweise in das Bachelor-Master-System für das neue Lehramt. Bereits erbrachte Leistungen könnten anerkannt werden.

Werden die Übergangsfristen verlängert?

Dennoch bedeute ein Wechsel „einen gewissen Mehraufwand“, räumt man im NRW-Schulministerium ein und verweist auf das neu eingeführte Praxissemester. Ein weiterer Zeitverlust für die Lehramtskandidaten – Lara Lengersdorf hält nicht allzu viel von diesem Wechsel-Angebot.

Die Universität Siegen setzt sich für eine „moderate Verlängerung der Übergangsfristen“ beim zuständigen Ministerium ein. „Eine gewisse Modifikation“ werde derzeit geprüft, heißt es aus Düsseldorf. Eine generelle Aufhebung der Auslauffristen sei allerdings nicht möglich. Dann müssten die Hochschulen unbefristet Doppelstrukturen vorhalten, die „fachlich und wirtschaftlich nicht zu verantworten“ seien.

Schließlich dauert es manchmal Jahrzehnte, bis Studenten ihre Prüfungen ablegen. 63 Semester zum Beispiel hat der letzte Diplomand an der FH Köln gebraucht.