Supertalent-Kandidaten wollen Bohlen aus den Socken hauen

Nick (16) aus Hünsborn
Nick (16) aus Hünsborn
Foto: WP
Was wir bereits wissen
RTL sucht Kandidaten für die Sendung Das Supertalent. Beim Casting in Siegen kullern viele Tränen.

Weidenau.. Ob man es als Talent bezeichnen kann, wenn man andere zum Weinen bringt? Sogar extra? Auf jeden Fall. Bei Ajla Petrovic (14) kriegen irgendwann alle den glasigen Blick. Die Lehrerin neulich, ihre Freundinnen Ariane und Alina und die Leute auf dem Schulhof in Meggen. Nur der Papa, der weint nicht. Aber der weint eh nie. Er sagt: „Sie singt schön.“

Und deshalb sitzt die 14-Jährige mit einer Autoladung Fans im kleinen Saal der Bismarckhalle. Auf ihrer blaukarierten Bluse klebt eine Nummer, wie Ajla sie schon so oft im Fernsehen gesehen hat. Willkommen beim offenen Casting für die RTL-Sendung „Das Supertalent“.

Charme der 60er Jahre

Während sich draußen auf dem Parkplatz der Himmel ergießt, wird es im Warteraum immer wärmer. Die Wände sind hier nussbaumbraun, die Vorhänge tannengrün. Auch rote Sitzpolster können den Charme der 60er nicht vertreiben. Auf ihnen sitzen nervöse Menschen, die meisten von ihnen sind jung. Einige mit Zahnspange. Darunter das neue Supertalent? Vielleicht. Die Produktionsfirma sucht in 40 Städten Sänger, Musiker, Tänzer, Showstars für die neue Staffel. Wer in Siegen gut ankommt, bekommt Mitte Juli Bescheid, ob er erneut zum Casting kommen darf. Dort wird dann auch für die Sendung gedreht.

Musik gegen Flugangst

Vor der Tür stehen mittlerweile ein paar Leute. Ein zotteliger Herr mit mangelhafter Zahnhygiene fragt: „Sind die Promis schon da? Der Bohlen?“ Nein, keiner da. Spätestens jetzt wird klar, warum ein Security-Mann die Tür bewacht.

Nick Draeger (16) aus Hünsborn, ein blonder Schlacks mit Undercut-Frisur und Löchern in der Jeans, möchte die Jury mit seiner Musik überzeugen. Er spielt Klavier, seins hat er gleich mitgebracht. Jeden Tag übt er. Spielt Lieder, die ihm gefallen nach, einfach so nach Gehör. Seit einem Jahr nimmt er auch Unterricht bei dem Pianisten Bernward Koch. Unter anderem bekannt für seine „Musik gegen Flugangst“. Nick knetet seine Finger. Vor Aufregung weiß er nicht so recht, wohin mit den Händen. Sobald sie über die schwarzen und weißen Tasten gleiten, wissen sie, was zu tun ist. Mama Nicole sagt: „Er ist eine richtige Rampensau.“ Schon als kleiner Junge stellte er sich bei Familienfeiern auf einen Stuhl, griff zum Mikro oder spielte auf der Bontempiorgel. Eine Frau ruft Nicks Namen. „Du schaffst das“, flüstert ihm die Mama ins Ohr. Dann geht es raus. Und er bleibt lange. Ein gute Zeichen? Ein schlechtes Zeichen?

Stimme wie Rex Gildo

Eine Reihe vor Nicks Eltern sitzt der Stadlmair Ludwig. Ein charmanter Typ, 64 Jahre, geborener Kufsteiner, eine Stimme wie Rex Gildo sagen die Leute. Auf seinen Schultern ruht ein senffarbener Pullover, in den weißen Slippern stecken braungebrannte Füße. Niemand braucht Strümpfe, wenn man auf der Insel lebt. Gran Canaria, schon seit 40 Jahren. Der Luis , so nennen sie ihn, betreibt dort eine Musikkneipe. Singt oft für seine Gäste. „Mein Navi führt mich überall hin“, sagt er. Auch nach Siegen. Der 64-Jährige erzählt von seiner Frau („Ein wahrer Engel“), von seiner Katze Snow und wie er vor sieben Jahren alles bei einem Waldbrand verlor. Bestes Sendematerial für eine TV-Sendung. Oder zwei. Und als der Luis „Angel“ von Robbie Williams ins Mikro der Radiokollegen schmachtet , haut er sie alle aus den Socken. Der Saal applaudiert.

Lilly und Robin drücken Daumen

Hinten im Raum konzentriert sich Isabell Stenschke (13). Mit ihrer Mama und den Geschwisterchen Lilly und Robin ist sie aus den Siegener Stadtteil Geisweid angereist. Nicht so weit also. Die 13-Jährige trägt eine Nerdbrille und ein niedliches Lächeln im Gesicht. In ihren Ohren stecken kleine Kopfhörer. Sarah McLachlan singt Angel. Gleich wird Isabell den Song singen. Oder performen, wie es bei Castings gern heißt. Dann werden aus ihr 1,52 Meter voller Gefühl. Gänsehaut. Und Tränen. „Ich weine jedes Mal“, sagt Mama Nicole.