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Fremdenhass

Warum der Osten für Rechtsextremismus anfälliger ist

23.02.2016 | 20:00 Uhr
Warum der Osten für Rechtsextremismus anfälliger ist
Blick auf die am Ortseingang von Clausnitz liegende Flüchtlingsunterkunft. Eine grölende Menschen-Meute hatte einen Flüchtlings-Bus blockiert. Szenen wie diese halten Experten in Südwestfalen noch für undenkbar.Foto: Jan Woitas

Südwestfalen.  Experten erklären, warum der Osten für Rechtsextremismus anfälliger ist. Eine Entwarnung für Sauer- und Siegerland geben sie dennoch nicht.

  • Warum Sachsen für Rechtsextremismus besonders anfällig ist, erklärt ein Siegener Soziologe.
  • Applaus, wenn ein Flüchtlingsheim brennt – das halten Experten in Südwestfalen derzeit nicht für denkbar.
  • Dennoch sei die Region nicht vor Fremdenfeindlichkeit gefeit, warnen sie.

Bautzen und Clausnitz – nur zwei von vielen Vorfällen. 1029 Anschläge auf Flüchtlingsheime haben die deutschen Sicherheitsbehörden im vergangenen Jahr registriert. Unrühmlicher Spitzenreiter ist mit 219 Attacken das Land Nordrhein-Westfalen. Wutbürger, die Flüchtlinge in Angst und Schrecken brüllen oder ihre Freude über eine brennende Unterkunft unverhohlen zeigen, – die hält der Siegener Soziologe Johannes Kiess hierzulande dennoch für weniger wahrscheinlich.

Experte aus Siegen klärt auf

„Sachsen hat in Deutschland eine besonders unrühmliche Rolle“, so Kiess, Experte für Rechtsextremismus. Zum einen, was die Menge der Übergriffe anbetrifft: Gemessen an der Einwohnerzahl werden nirgends so viele Angriffe verübt wie dort, mehr als doppelt so viele wie in NRW. Bei gerade einmal vier Millionen Einwohnern, so die Zahlen des deutschen Bundestags, hat es in Sachsen im Jahr 2015 insgesamt 109 Übergriffe auf Flüchtlingsheime gegeben.

Johannes Kiess, Soziologe Universität Siegen und Experte für Rechtsextremismus Foto: Universität Siegen

Zum anderen aber auch, was die Art der Attacken anbetrifft. „Anschläge gibt es auch in NRW“, so Kiess. „Hier kann man aber nicht so offen agieren. In Sachsen dagegen freut man sich unverhohlen“, sagt Kiess, der auch an der Uni Leipzig zu rechtsextremen Einstellungen in der Mitte der deutschen Gesellschaft geforscht hat. „Es gibt einen Unterschied, was sagbar ist.“

„Eine besondere Opportunität“, nennt Kiess das. Will heißen, dass Bürger im politischen Diskurs Sachsens den Eindruck gewinnen, fremdenfeindliche Einstellungen seien mehrheitsfähig. Die politische Debatte sei in Sachsen extrem weit nach rechts verschoben. CDU-Politiker, die über Facebook Bürger auffordern, sich gegen „zu viele Asylbewerber zu wehren“, nennt Kiess als Beispiel. Das sei bisher in der NRW-CDU nicht denkbar, erklärt er. Das Problem des Rechtsextremismus in Sachsen sei von der Politik klein geredet worden.

"Nicht erfolgte Demokratisierung" in Sachsen

Ein weiterer Grund für die Anfälligkeit Sachsens: „die nicht erfolgte Demokratisierung“, so Kiess. Es sei seit der Wiedervereinigung versäumt worden, demokratische Überzeugungen auch in der Fläche zu entwickeln, erläutert der Experte. Integration, auch der „eigenen Bevölkerung“, habe einfach nicht stattgefunden.

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Applaus für Brandanschläge, unverhohlene Freude – „das kann ich mir hier derzeit nicht vorstellen“, sagt auch Lenard Suermann von der mobilen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus im Regierungsbezirk Arnsberg. Die Tendenz zu rechtsextremen, fremdenfeindlichen Attacken in Südwestfalen sei gering, beobachtet Suermann. „Ein Mehr an Zivilgesellschaft in der ländlichen Region“ als im Osten oder in manchem Ballungsraum hält er für einen Grund. Starke soziale Beziehungen, eine demokratische politische Kultur, eine hohe Bürgerbeteiligung, führt er weiter aus und hebt die Rolle von Kirchen, Parteien, Gewerkschaften und Vereinen hervor.

 

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„Ich erteile der Region zwar keinen Persilschein, aber ich bin sehr froh, dass ich nicht noch mehr berichten muss“, so Suermann: Eine Brandattacke auf eine geplante Asylbewerberunterkunft hat es im Kreis Olpe im vergangenen Jahr gegeben und den Anschlag von Altena im Oktober 2015, vor Kurzem von Ermittlern zum Mordversuch erklärt. Dazu hasserfüllte Facebook-Seiten. Das sei aber vor drei Jahren in Südwestfalen undenkbar gewesen, warnt Suermann davor, dass die Stimmung auch hier kippen könnte. „Man darf nicht glauben, dass eine Region gefeit ist.“

Nina Grunsky

Kommentare
24.02.2016
13:16
Warum der Osten für Rechtsextremismus anfälliger ist
von barchettaverde2 | #3

Die Bevölkerungsstruktur spielt eine herausragende Rolle. Besonders in Sachsen und Brandenburg gibt es genügend Dörfer die fernab von größeren Städten...
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Warum der Osten für Rechtsextremismus anfälliger ist
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2016-02-23 20:00
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