Stojans Visionen: Rundgang mit dem Stadtbaurat
25.06.2009 | 21:10 Uhr 2009-06-25T21:10:00+0200Er kennt in Siegen so ziemlich jede Ecke. Die hübschen, die er mehr zur Geltung bringen möchte. Und die hässlichen, für die er Lösungen anbieten will.
Stadtbaurat Michael Stojan ist zwar erst seit knapp fünf Monaten im Amt, hat sich aber bei Streifzügen durch die Stadt und durchs Bauakten-Archiv mit jedem Winkel vertraut gemacht. Er weiß, worauf er den Blick lenken muss – und kann erstaun-liche An- und Einblicke vermitteln.
„Siegen hat ein Imageproblem”, sagt der 57-Jährige beim Stadtrundgang. Gerade außerhalb der Region sei der Ruf in Sachen Erscheinungsbild und Wohnqualität mäßig. „Dabei hat Siegen viele Potenziale. Ich bin von Woche zu Woche mehr begeistert.”
Eine entscheidende Qualität sei die des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen. „Mein Eindruck ist, dass viele Siegener dem Stadtbild nachweinen, das 1944 in den Flammen unterging”, sagt der Baurat. „Viele betrachteten den Wiederaufbau nur als Ersatz. Ich halte ihn aber für einen der gelungensten in Deutschland.”
Die besondere Stärke habe darin gelegen, dass damals – anders als an vielen anderen Orten – der ursprüngliche Stadtgrundriss mit den kleinen Eigentümerparzellen beibehalten worden sei. Darüber hinaus habe die Architektur Vieles von der alten Individualität aufgegriffen, habe mit Sprossenfenstern, Erkern, kleinteiligen Fassaden der Stadt ein eigenes Gesicht wiedergegeben.
„Die Ausstrahlung einer Fassade hängt stark mit dieser Kleinteiligkeit zusammen. In den 50er Jahren war man sich dessen bewusst”, sagt Stojan. Als Beispiele zeigt er das 9bar-Gebäude neben dem Kaufhof mit Schiefergiebel, weißem Erker und Holzfensterläden hervorsticht; eine ähnliche „Renommierfassade” sei die des Modehauses Falga an der Kölner Straße. Doch fänden sich jeweils in der Nachbarschaft auch Gebäude, bei denen die 50er-Jahre-Optik für Alu-Verblendungen oder breitere Fensterfronten gewichen sei. Stojan: „Gerade in den 70er Jahren dachten viele Leute, man müsse zeitgemäß bauen – und haben unterschätzt, dass der Zeitgeist ein kurzlebiger Geselle ist.”
Das alte Ambiente würde der Stadtbaurat gerne reanimieren, lenkt bei der Runde durch die Oberstadt die Aufmerksamkeit auf alte Erker und Fassadendetails, die manchmal wirkungsvoll in Szene gesetzt sind, oft aber so wenig betont sind, dass sie in der Belanglosigkeit versinken.
Leidenschaft und der Tatendrang sind Stojan bei jedem seiner Sätze anzumerken. Und auch in seiner Kritik findet er klare Formulierungen, wenn in Anbetracht mancher Missgriffe Worte wie „Desaster” oder „Schrott” fallen; oder wenn er schildert, was Fußgänger auf dem Schlossplatz erleben: „Sie kommen hierhin, ringsherum das Untere Schloss, Blick auf die Nikolaikirche – und dann steht da Raumschiff Enterprise!” Gemeint ist das Karstadt-Gebäude, das der Baurat optisch gern hinter einem schmalen, attraktiveren Gebäuderiegel zurücktreten sehen würde.
Er kann aber auch erste Ergebnisse präsentieren. So haben die städtischen Gärtner Bäume am Rand der Fissmer-Anlage und um die Martinikirche herum beschnitten. Bereiche, die vorher oft ein eher subversives Publikum anzogen, sind nun überschaubarer und für alle Bürger wieder attraktiv. Solche „gestalterisch wirksamen Pflegeschritte” seien kleine Maßnahmen mit starker Wirkung.
Stojan möchte aber den großen Wurf, und dessen Elemente hat er im „Integrierten Handlungskonzept Stadtentwicklung Siegen 2020” gebündelt. Unter anderem sind der Abriss der Siegplatte und die Gestaltung der Uferbereiche darin enthalten, ebenso eine neue – und deutlich dezentere – Werbeanlagensatzung sowie ein Fassadenprogramm und eine angepasste Gestaltungssatzung für die Oberstadt.
„In vielen Bereichen haben wir nur die Möglichkeit, Überzeugungsarbeit zu leisten”, sagt Stojan – etwa wenn es darum gehe, Immobilienbesitzern vor Augen zu führen, dass in einem ersten Schritt schon Sprossenfenster enorme Wirkung für das Bild hätten. Das sei nicht nur kosmetisch, sondern auch wirtschaftlich effektiv, da der Wert der Immobilien ebenso wie der des Quartiers insgesamt steigen würde.
„Ich bin sehr optimistisch”, betont der Baurat. „Bisher bin ich auf sehr viel Zustimmung gestoßen. Gerade die Oberstadt könnte in den nächsten zehn Jahren richtig schön werden.” Vor allem sei Stadtentwicklung auch Stadtmarketing – und in Hinblick auf den demografischen Wandel ein wesentlicher Standortfaktor: „Die Menschen werden sich immer für das Leben in einer schönen Stadt entscheiden.”
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