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Bauhofprozess

Stellvertretender Bauhof-Chef litt unter der „Rödeltruppe”

10.05.2010 | 17:49 Uhr
Stellvertretender Bauhof-Chef litt unter der „Rödeltruppe”

Siegen/Hilchenbach. „Die schlagen mich seit Jahren.” Am Nachmittag des 8. Juli 2008, nachdem der Stiel einer Harke auf seinem Rücken zerbrochen worden war, rückte Bernd D. bei seiner Mutter mit dem heraus, was er bei seiner Arbeit auf dem Hilchenbacher Bauhof erlitt.

 „Er weinte nicht laut. Er schluchzte trocken.” Luise D. begann aufzuschreiben: Vier Seiten mit der Darstellung von 13 Fällen brachte sie ins Rathaus mit, als der Fall dort eine Woche später erörtert wurde. 149 Vorwürfe ermittelte die Polizei danach. 60 davon nahm die Staatsanwaltschaft in die Anklage gegen vier ehemalige Bauhof-Arbeiter auf, über die seit zwei Monaten vor der ersten großen Strafkammer des Landgerichts verhandelt wird.

Am zwölften Verhandlungstag schilderte die Mutter, wie sie die Veränderung ihres Sohnes erlebte – wie das Klagen über Kollegen und Arbeitsbedingungen neue Dimensionen bekam. Bernd D., Halbwaise und nach einem Verkehrsunfall, den er als Sechsjähriger erlitt, motorisch und beim räumlichen Sehen beeinträchtigt, schaffte schon die Prüfung zum Landschaftsgärtner nur mit viel Engagement der Familie: Die räumte schließlich Garten und Doppelgarage als Übungsflächen zum Pflanzen und Pflastern frei. „Keiner hatte hinter ihm gestanden.”

Muskeltraining und Migräne

Bernd D., heute 30 Jahre alt, sah sich Kung-Fu-Filme an, betrieb exzessives Muskeltraining. Die Mutter, eine 57-jährige Arzthelferin, sah Verletzungen an den Händen, geschwollene Kniekehlen, einen mit Striemen überzogenen Rücken und Bernd D.s Zusammenbruch mit gebrochenen Rippen. Er litt unter Migräne, trug nur noch wattierte Westen, verzichtete aufs Schwimmen und auf kurze Hosen. Warum wirklich, erfuhr seine Mutter am 8. Juli 2008.

Noch einmal spielte am Montag der Gartenmeister eine Rolle, der die Kolonne von Bernd D. leitete. Weil gegen ihn wegen Unterlassung ermittelt wird und er im Zeugenstand sein Recht auf Auskunftsverweigerung in Anspruch nahm, wurden zwei Kriminalbeamte gehört.

Verteidigung vermutet Wahnvorstellungen

Sie berichteten über ihre Vernehmung des mittlerweile abgelösten stellvertretenden Bauhofchefs, der Zeuge von Misshandlungen gewesen sein soll. „Ich gehe am besten mal”, wurde er zitiert, „sonst kriege ich sie auch noch.” Darüber hinaus soll der Gartenmeister selbst von der „Rödeltruppe” auf der Anklagebank „jahrelang gedemütigt” geworden sein, wie es einer der Beamten formulierte. Auf dem Hilchenbacher Friedhof zerrten die Arbeiter ihn aus seinem Wagen, um damit zu einer Frittenbude zu fahren.

Vorsitzender Wolfgang Münker blickt zwar bereits auf den Abschluss der Beweisaufnahme. Doch am Montag verlangte Dr. Klaus Przybilla, Verteidiger des Hauptangeklagten, zusätzlich die Einschaltung eines psychiatrischen Sachverständigen. Es gebe Anhaltspunkte, dass Bernd D. unter „Wahnvorstellungen” leide.

Weitere Zeugen sollen die Glaubwürdigkeit des Gärtners erschüttern: So will Verteidigerin Haimayer den Beweis führen, dass der Versuch, Bernd D. mit Abgasen aus einem Unimog zu ersticken, nicht stattgefunden haben kann. Im fraglichen Winter sei das Fahrzeug nicht im Einsatz gewesen. Weil der Anlasser kaputt war.

Steffen Schwab

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