Starkes Signal
16.12.2008 | 22:19 Uhr 2008-12-16T22:19:00+0100
Weit über 3000 Siegerländer haben gestern in Siegen für Demokratie demonstriert. Aufgerufen hatte ein Bündnis für Demokratie, dem sich das komplette demokratische Spektrum angeschlossen hatte.
Von Raimund Hellwig
Siegen. „Wir überlassen euch nicht die Straßen der Stadt, und wir überlassen euch nicht die Deutung unserer Geschichte”. Bürgermeister Steffen Mues sprach gestern für die große Mehrheit der Siegerländer.
Die Botschaft ging an das Häuflein Rechtsextremer, das gestern, aufmerksam bewacht von starken Polizeikräften, am Löhrtor seine Kundgebung ausrichten durfte. Die zweite Botschaft der Redner am Kornmarkt: Wichtig sind nicht die Neonazis, sondern die Stadt Siegen als weltoffene, demokratische Stadt.
Die Demonstration zum 64. Jahrestag der Bombardierung Siegens im 2. Weltkrieg war auf ihre Art eine Premiere: Das demokratische Spektrum war sich von der CDU bis zur Linken überraschend einig und schloss sich dem Aufruf des DGB an, ohne eigene politische Interessen zu verfolgen. Begonnen hatte der GehDenken-Tag mit der traditionellen Kranzniederlegung am Dicken Turm durch den Bürgermeister. Man hatte bewusst keine Änderungen am Verlauf der Gedenkstunde vorgenommen. Am Abend lud das Apollo-Theater zu Szenen und Texten zum 16.12. in das Apollo-Theater ein. Mit den verschiedenen Veranstaltungen und Aktionen hatte das Bündnis zugleich auch die Oberstadt komplett für rechtsradikale Zwecke gesperrt.
Die Polizei hatte bereits frühzeitig mehrere Bereitschaftseinheiten aus Bochum herangezogen, um am Abend bei der rechtsradikalen Demonstration Konfrontationen zwischen den Siegenern und den Rechten zu unterbinden. Die knapp 90 Rechten waren erst relativ spät angereist und mussten sich vor der Demonstration am Löhrtor noch eine Leibesvisitation gefallen lassen. Dafür hatte die Polizei ein kleines Zelt auf der Straße aufgebaut. Die Siegener beobachteten das Spektakel aus der Entfernung und spendeten reichlich Sprchchöre und bissige Kommentare.Die Spandauer und die Frankfurter Straße und das Löhrtor waren während der Kundgebung komplett gesperrt, Bereitschaftspolizisten bildeten eine Barriere zwischen Schaulustigen, Gegendemonstranten und den Rechtsradikalen.
Die hatten übrigens einen neuen Demonstrationsanmelder aufgeboten, den bundesweit bekannten Rechtsradikalen Christian Worch, der an der Oranienstraße auch eine Rede halten durfte. Er versuchte, die alliierten Bombardements auf deutsche Städte zum politischen Thema seiner "Freien Nationalisten" zu machen. Streckenweise unverständlich war die Rede des Siegener NPD-Kreisvorsitzenden Stephan Flug, der die Teilnahme der NPD an der Kommunalwahl 2009 androhte. Am Abend wurde hier die Gegendemonstration an dr Oranienstraße etwas lauter und hektischer. Hier flogen auch einige Feuerwerkskörper in Richtung Polizei, mit Sprechchören versuchten die Teilnehmer, die Rechten zu provozieren. Neun Demonstranten wurden vorübergehend festgenommen, waren aber kurz darauf wieder auf freiem Fuß.
Die rechte Demonstration löste sich gegen 20 Uhr planmäßig auf. Kurz darauf, nach der Abreise der Rechten (der Großteil war aus Hessen, Rheinland-Pfalz und Dortmund angereist), herrschte wieder Ruhe in Siegen.
23:17
Harald hat doch eigentlich Recht mit seinem Beitrag, wenn man einmal überlegt.
20:42
Was die Kriegsschuld Deutschlands betrifft, sollte man sich zunächst mit den Ereignissen vor und nach des 1. Weltkrieges beschäftigen. Dazu kann ich die Seite vorkriegsgeschichte.de bestens empfehlen.
Und was die begangenen Verbrechen Deutscher Soldaten an osteuropäischen Zivilisten und Partisanen angeht, stellt sich auch die Frage, warum deswegen die deutschen Zivilisten von Kind bis zum Greis als Vogelfrei erklärt wurden. Natürlich wurden in dieser Zeit Verbrechen begangen. Aber nicht nur von den Deutschen. Bereits vor Kriegsausbruch wurden Deutsche in den später von Polen besetzten Gebieten verfolgt und oftmals grausam misshandelt und ermordet. Diesbezüglich kann ich das bekannte Buch Der Tod sprach polnisch empfehlen, welches u.a. bei amazon.de erhältlich und mit vielen Augenzeugenberichten gefüllt ist. Welch schreckliches Bild sich den einrückenden Soldaten 1939 in Polen bot wissen viele Menschen gar nicht, womit ich hier aber nichts relativieren möchte. Mir geht es um Gerechtigkeit. Dazu gehört es einfach auch die Verbrechen beider Seiten schonungslos anzusprechen.
Wie ist es überhaupt möglich, dass sechzig Jahre nach Kriegsende immer noch Krieg auf der ganzen Welt herrscht, ohne dass die Menschen hier in Deutschland auf die Barrikaden gehen? Ich erinnere an Vietnam, als die Amerikaner zwei Millionen Zivilisten umbrachten, die Atombombenabwürfe von Nagasaki und Hiroshima. Vertreibung der Palästinenser. Die bombadierung der Flüchtlings- und Lazarettstadt Dresden kurz vor Kriegsende. Die von Waffenhändlern unterstützen Bürgerkriege auf der ganzen Welt, dessen Unterstützer meist in Amerika zu finden sind. Die völkerrechtswidrigen Bombadierungen der irakischen und afghanischen Bevölkerung.
Ich stelle die berechtigte Frage, weshalb es hier keinen Aufschrei gibt? Diese Verbrechen passieren heute noch immer, während Angela Merkel dem amerikanischen Präsidenten die Hand schüttelt. Das verstehe ich nicht.
19:46
Volle Zustimmung für Markus und Jan.
Was mich bei der Berichterstattung stört, dass wieder so getan wird, dass die Rechtsradikalen alle von außerhalb gekommen wären. Hauptsache immer schön die Problematik von sich weg schieben ...
Dabei zeigen hier ja einige Kommentatoren (vermutlich aus dem Siegerland) deutlich ihre bedauernswerte Gesinnung ...
19:32
jede gedenkveranstaltung für Opfer kann immer nur gleichzeitig eine Demonstation gegen die verursacher dieser Schrecken gewesen sein. Wollen Sie wirklich die Kriegsschuld Deutschlands am 2. Weltkrieg abstreiten? Die vorhergegangenen Vernichtungsfeldzug gegen die Zivilbevölkerung gerade in Osteuropa?
Es handelt sich um historische Tatschen und hat auch nichts mit einem vermeintlichen Schuldkult zu tun, denn der wird nur herbeigeredet, die Meinungshoheit im Internet und an Stammtischen und auch in großen Teilen der Politik sieht (leider) anders aus.
19:13
Dass die NPD nicht verboten ist, heißt nicht gleichzeitig, dass sie nicht rassistisch sind. Natürlich sind sie das und sie sind wiedermal eine traurige Schande für unser Volk.
Und klar war das keine Demo zum Gedenken der Bombenopfer, sondern gegen die NPD und zum Glück sehr erfolgreich. Traurig, dass hier manche versuchen das zu relativieren.
Deutschland war Agressor und hat keinerlei Bedauern für eigenes erfahrenes Leid zu erwarten.
17:33
Ich kann auch nur das schreiben was ich gesehen habe. Vielleicht wird ja in den nächsten Tagen noch darüber berichtet.
17:16
Natürlich nicht, ich kann eben auch bloß die Situation so wiedergeben, wie ich es empfunden habe. Und so wie ich das gesehen habe, ging die Aggression eindeutig von Rechts aus.
Man könnte ja mal bei der Polizei anfragen, ob es weitere Infos zu dem Vorfall gibt?
17:11
Ja, dass es zu Auseinandersetzungen kam weiß ich auch. Was der Grund dafür war, und wer zuerst angegriffen hat, geht aus dem von Dir genannten Zitat aber auch nicht hervor.
17:05
Ja, ich kann es mir auch nicht erklären, allerdings ist das defenitiv so (oder so ähnlich) passiert. Ich stand etwa 30 m weiter und konnte das Ereignis wunderbar beobachten.
Die Rechten haben auf einer ihrer Homepages dazu auch etwas geschrieben:
Auf dem Rückweg lief eine größere Gruppe von Teilnehmern, die mit dem Zug angereist waren, zurück zum Bahnhof, wobei es dort zu Auseinandersetzungen mit Antifaschisten und Polizeipressionen kam, die zur Festnahme von 2 Kameraden führten.
16:56
Hmm, bisher war lediglich zu lesen:
Am Abend wurde hier die Gegendemonstration an dr Oranienstraße etwas lauter und hektischer. Hier flogen auch einige Feuerwerkskörper in Richtung Polizei, mit Sprechchören versuchten die Teilnehmer, die Rechten zu provozieren. Neun Demonstranten wurden vorübergehend festgenommen, waren aber kurz darauf wieder auf freiem Fuß.
Als ich am Bahnhof stand, wurde eine kleinere Gruppe der Rechten unter Polizeischutz zu den Zügen gebracht. Gegenüber waren bestimmt fast hundert aufgebrachte Antifas. Kaum vorstellbar, dass die Rechten bei der Unterzahl einfach mal so angreifen. Außerdem hätte man darüber doch in der Zeitung oder Polizeibericht lesen müssen, Polizisten und Leute von der Presse waren schließlich reichlich vertreten...?