Stadtbummel durch die Baustelle

Vorsicht auf dem Bau: Wo sonst Schilder davor warnen, dass Eltern für die Treiben ihrer Kinder haften, appelliert in der Bahnhofstraße eine andere Art Hinweis an die Umsicht der Passanten.
Vorsicht auf dem Bau: Wo sonst Schilder davor warnen, dass Eltern für die Treiben ihrer Kinder haften, appelliert in der Bahnhofstraße eine andere Art Hinweis an die Umsicht der Passanten.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Die Sanierung der Bahnhofstraße in Siegen soll noch bis zum Spätsommer andauern. Bis dahin heißt es: Vorsicht auf dem Bau.

Siegen..  „Sie sollten Ihre Ohrenstöpsel tragen“, ruft Gerd Hinderthür einem Bauarbeiter zu. Der Wilnsdorfer ist auf der Bahnhofstraße unterwegs. Er bahnt sich seinen Weg durch die Unterstadt. Durch die Fußgängerzone rollen Bagger, ein Laster kippt ein Haufen Split vor die Buchhandlung. Arbeiter stemmen die alten Pflastersteine mit dem Presslufthammer aus dem Boden. Trotz des Lärms und Baustellentrubels ist Gerd Hinderthür gern in der Einkaufsstraße: „Die Menschen können ruhig sehen, was das für eine Arbeit ist, aber es darf keine Gefährdung damit verbunden sein.“ Wie gehen andere mit der Baustelle in Siegens Mitte um? Wir haben nachgefragt.

Händler

Die Geschäftsleute sehen die Situation gelassen. „Auf der einen Seite ist es schon ziemlich laut, wobei wir froh sind, dass es hier schön wird“, erzählt Tobias Wende. Er arbeitet bei einem Augenoptiker. „Wir haben viele ältere Kunden, deswegen nehmen wir das in Kauf, damit sie, wenn alles fertig ist, leichter zu uns kommen können“, sagt er. Insgesamt sei es natürlich eine Belastung, aber bisher hätten sich die Arbeiten nicht geschäftsschädigend ausgewirkt. Im Gegenteil, der Optiker zeigt Verständnis: „Die hochfrequentierte Straße kann ja nicht gesperrt werden und anders können es die Bauarbeiter nicht bewerkstelligen“.

Bauarbeiter

Für die Arbeiter ist es tatsächlich eine ungewöhnliche Situation, so nah an den Passanten zu arbeiten. „Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung, vor allem, weil die meisten Menschen keine Rücksicht nehmen“, empört sich Jose Romero, der mit seinen Kollegen darauf aufpasst, dass keine Unfälle passieren. Denn Mensch und Maschine sind dort oft nicht weit voneinander entfernt. „Wir haben hier mehr Personal als auf einer normalen Baustelle, in der Regel gibt es pro Maschine auch eine Begleitperson“, erläutert Romero. Insgesamt sind drei weitere Arbeiter eingesetzt, die auf den Schutz von Passanten und einen reibungslosen Ablauf der Bauarbeiten achten.

Stadt Siegen

Einige Passanten missachten die Absperrungen, um Umwege vermeiden. Passiert etwas, sind rechtliche Fragen schwierig zu klären. betont Martin Thomas, stellvertretender Leiter der städtischen Abteilung Straße und Verkehr. Die Ausgangssituation sei ähnlich wie bei einem Verkehrsunfall. „Die Polizei würde ermitteln.“ Oftmals habe aber die Baufirma das Nachsehen.

Es gibt Auflagen für die Sicherheit und Musterpläne zur Einrichtung einer Baustelle. Sie seien in aller Regel jedoch nur mit Schwierigkeiten „eins zu eins“ umsetzbar, sagt der Experte. In einer Fußgängerzone müssten eigentlich die Geschäfte geschlossen werden, wenn man die Musterpläne einhalten will. Daher seien die Arbeitskräfte ebenso wie die Passanten dazu angehalten, mit Sorgfalt auf ihre Umgebung zu achten.

Behindertenbeauftragter

Für Menschen mit Behinderung sind auf Baustellen weitere Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Zum Beispiel müssen auf Augenhöhe Markierungen angebracht werden, die sehbehinderte Menschen auf Hindernisse aufmerksam machen. Gitterzäune sichern gefährlichen Stellen ab.

Trotzdem sei es für behinderte Menschen nicht leicht, eine Baustelle zu durchqueren, so Rainer Damerius, Behindertenbeauftragter der Stadt Siegen. „Ich bin erst letztens an der Bahnhofstraße entlang gelaufen. Wenn ich an einem Bagger vorbei komme, höre ich hier den Motor und nur wenig später rappelt direkt neben mir die Schaufel“, so der Sehbehinderte. Natürlich sorgt das für Irritationen und Nervosität auf dem Weg zur Arbeit, sagt er. Mit knapp 100 Dezibel Lautstärke scheppern Bagger durch die Fußgängerzone. Zum Vergleich: Eine Autohupe in sieben Metern Entfernung ist genauso laut. Ein Gespräch in Zimmerlautstärke bringt die Nadel auf 40 bis 50 Dezibel. Wem die Bagger zu laut sind oder wer aus anderen Gründen die Baustelle fürchtet, kann ausweichen: zum Beispiel durch die Sparkasse. „Barrierefreie Baustellen kann es nicht geben“, sagt Rainer Damerius. Mehr noch: „Es muss irgendwann gemacht werden.“ In Kürze gibt es in der Bahnhofstraße ein Leitsystem für Sehbehinderte sowie Pflaster ohne Stolperfallen.

Ingenieure

Bauabschnitt eins soll am Freitag beendet sein. In Blickrichtung Bahnhof ist dann die linke Seite gepflastert. Weiter geht es mit der gegenüberliegenden Seite, ehe am Ende die Mitte saniert wird. Im August sollen die Arbeiten komplett abgeschlossen sein, sagen die Ingenieure. Abteilungs-Vize Martin Thomas indes spricht von Anfang September.

Für Verzögerungen hätte eine Telekom-Leitung gesorgt. Sie ist zu dicht unter der Oberfläche verlegt. Wegen Extraarbeiten – die Leitung soll schließlich nicht beschädigt werden – sei die Sanierung vier Wochen in Verzug geraten. Trotzdem wollen die Verantwortlichen den August-Termin im August einhalten.

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