Siegesparade setzt sichtbaren Schlusspunkt

Amerikanische Siegesparade auf der Koblenzer Straße in Siegen. „Das Interesse der Einheimischen war ausgesprochen mäßig, eine Freude über das endgültige Ende der Kriegsereignisse ist ihnen in keiner Weise anzumerken.“
Amerikanische Siegesparade auf der Koblenzer Straße in Siegen. „Das Interesse der Einheimischen war ausgesprochen mäßig, eine Freude über das endgültige Ende der Kriegsereignisse ist ihnen in keiner Weise anzumerken.“
Foto: US National Archives
Was wir bereits wissen
Freude über das Ende von Krieg und Gewaltherrschaft wird keineswegs allgemein geteilt

Siegerland..  Der Krieg ist im Siegerland seit gut einem Monat vorbei. Der 8. Mai, an dem das Ende des Nazi-Regimes besiegelt wird, scheint keiner Rede mehr wert. Adolf Müller notiert in seiner Chronik über „Krieg und Elend im Siegerland“ für den 7. Mai, dass die Kleinbahn wieder fährt. Und: „Um 20.30 Uhr verkündet ein amerikanischer Lautsprecherwagen in Siegen das Ende des 2. Weltkriegs.“ In dieser Reihenfolge.

Aber es gab sie, die deutsche Kapitulation, sichtbar im Siegener Stadtbild und im Film festgehalten: die Siegesparade der amerikanischen Streitkräfte am 9. Mai. In der Dokumentation zur Ausstellung über das Kriegsende, die 2005 im heutigen Krönchen-Center gezeigt wurde, sind Fotos von der Parade über die Koblenzer Straße abgedruckt, von der Militärmusik und dem salutierenden Spalier, in das sich auch eine Abordnung der befreiten Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen einreiht — rund 30 000 von ihnen sammeln sich gerade in den Kasernen am Wellersberg, am Heidenberg und am Fischbacherberg, die jetzt Auffanglager für die „displaced persons“ sind.

Befreit oder nur besetzt?

„Der Tag, an dem wir durch die Amerikaner befreit wurden“, schreibt der Kreuztaler Hermann Engelbert in seiner Chronik, und das Wort „befreit“ ist dick unterstrichen. Landrat Fritz Fries, Sozialdemokrat wie Hermann Engelbert, berichtet in einem offiziellen Schreiben an die Militärregierung, dass „die Bevölkerung das Erscheinen der Besatzungstruppen als befreiende Tat erwartete und begrüßte“. Ulrich Opfermann, der die Geschichte der Zwangsarbeiter im Siegerland aufgearbeitet hat („Heimat. Fremde“), hat sich den Film über die amerikanische Militärparade in Siegen angeschaut. „Das Interesse der Einheimischen war ausgesprochen mäßig, eine Freude über das endgültige Ende der Kriegsereignisse ist ihnen in keiner Weise anzumerken.“ Opfermann fasst seine Lektüre der zeitgenössischen Berichte so zusammen: Aus denen gingen keine Einsichten hervor. „Vielmehr sprechen aus ihnen eine geradezu hemmungslose Wehleidigkeit über ein ungerechtes Schicksal, ein bizarres Selbstmitleid und eine Selbstgerechtigkeit, die keine Vorhaltung irritieren kann.“

„Von Süden her sind amerikanische Soldaten, Weiße und Neger, in das Dorf eingedrungen“, hat der Deuzer Hermann Klein über das Kriegsende notiert — einer von vielen, der Erinnerungen festgehalten hat. Alfred Lück hatte für sein Kapitel der Netpherland-Geschichte die Aufzeichnungen des späteren Deuzer Bürgermeisters Rudolf Schmick zur Verfügung, die das blanke Entsetzen widerspiegeln: „Amerikanische Soldaten, meist tiefschwarze Farbige, tasteten sich in das Dorf ­hinein, ohne Widerstand zu finden...“

Bei den Nazis gut aufgehoben

Konsequent ist die Haltung, wie sie der Lehrer und Nazi-Funktionär Lothar Irle von den 1920er Jahren an in Hilchenbach vertrat. Überliefert ist seine Rede, die er in Netphen hielt: „Wie gerade Pilze auf dem Mist sich wohl fühlten, war es jene jüdische Literatur und Kunst, die den Nährboden bildete für jüdische Schweinereien...“ Nach 1945 wurde Irle hoch angesehener Heimatforscher, 1963 schrieb er die Ortschronik von Ferndorf, die die Stadt Kreuztal – Seit’ an Seit’ mit dem Werk von Hermann Engelbert - ihrer Stadtgeschichte einverleibt hat. Nazi-Regime und zweiten Weltkrieg handelt Irle in einer Reihe mit der Pest und dem 30-jährigen Krieg ab. Überschrift: „Katastrophen und Unglücksfälle“.

Typisch sind all die Menschen mit nationaler, konservativer, christlicher Gesinnung, die romantische Heimatliebe mit dem Feindbild des Fremden verbanden und sich bei den Nazis gut aufgehoben sahen — über mehr oder weniger lange Zeit. Da ist Hilchenbachs Ehrenbürger Wilhelm Münker, dem die Stadt heute für ihre Rettung vor der Zerstörung dankt, der selbst jedoch den Nutzen seiner SGV-Wanderbewegung für das NS-Regime nannte: „Im ersten Weltkrieg hatte sich ja hinlänglich gezeigt, dass viele der weiten Feldzüge und großen Schlachten buchstäblich mit den Beinen gewonnen wurden.”

Oder der Hilchenbacher Pastor Hermann Müller, der sich als „erster stiller Nationalsozialist“ unter seinen Kollegen bekannte, der 1931 die Hilchenbacher Kirche wohl zur ersten weit und breit machte, in der die Hakenkreuzfahne zugelassen wurde. Der aber dann, als führender Vertreter der oppositionellen Bekennenden Kirche, den gegen ihn gerichtetem Schikanen von Ortspolizei und Gestapo standhaft entgegentrat.

Prof. Dr. Rainer Elkar benutzt denn auch in seinem Hilchenbach-Buch „Menschen, Häuser, Schicksale“ den Vergleich mit dem Kiesweg: „Und so gab es nur wenige weiße Steine, viele schwarze und eine Unmenge von grauen Kieseln. Ein grober Blick über den langen Weg der Schuld verwischt die Konturen: Alles verschwimmt in einem diffusen Grau.”

Interview: Eine umfassende Studie über die NS-Zeit gibt es bis heute nicht

Dieter Pfau ist Historiker. Er war Projektleiter der Ausstellung „Kriegsende 1945 in Siegen“, die 2005 im heutigen Krönchen-Center gezeigt wurde.

Frage: Alle zehn Jahre Erinnerung an 1945 - verändert die sich dabei?

Dieter Pfau: Die Veränderung individueller und kollektiver Erinnerungen ist ein natürlicher Prozess, denn der Blick auf die Vergangenheit ist immer von der gegenwärtigen Befindlichkeit beeinflusst. Derzeit können wir feststellen, dass die Deutung des 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus zum festen Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur geworden ist. Das war vor 20 Jahren, als noch heftig über die Wehrmachtsausstellung gestritten wurde, nicht der Fall.

Zeitzeugen, die über das Kriegsende und auch die vorangegangene Gewaltherrschaft berichten können, sterben aus. Heute sind es, anders als noch 1985, 1995 und 2005, allenfalls die damals Jugendlichen, die Erinnerungen zu Protokoll geben. Verändert das das Bild, das wir uns von 1945 machen?

Die Ausstellung im Jahr 2005 ist stark von der Generation der Kriegskinder geprägt gewesen. Mit dem Rückgang der direkten Betroffenheit ist der Blick auf 1945 weniger emotional und wird distanzierter. Neben den Erinnerungsberichten von Zeitzeugen – deren besonderer Charakter als mündliche Quellen stets in Rechnung zu stellen ist – rücken die in schriftlicher oder anderer medialer Form überlieferten Quellen stärker in den Fokus.

Wie interessant ist das Thema „1945“ für Regionalhistoriker heute (noch)? Gibt es einen Wandel in Bewertung und Einordnung, gibt es neue, zuvor vernachlässigte Betrachtungsweisen?

Das Thema „Kriegsende 1945“ ist nach wie vor sehr interessant, gerade weil es regional noch gar nicht so gut erforscht ist. Eine umfassende Studie über Stadt und Kreis Siegen in der NS- und Kriegszeit gibt es bis heute nicht. Viele Einzelthemen könnten durch die historische Forschung der Vergessenheit entrissen werden. Wir wissen beispielsweise nur sehr wenig über die ersten Tage und Wochen unmittelbar nach Kriegsende. Der Film Monuments Men (über den im Hainer Stollen versteckten Kunstschatz, d.Red.) in 2014 hat gezeigt, wie schnell ein historisches Thema ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten und neue Perspektiven eröffnen kann.

Wenn es nicht 1945 ist: Welche andere Jahreszahl aus der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert würde aus Ihrer Sicht größere Aufmerksamkeit verdienen?

Der Historiker, der Geschichte nicht nur als Abfolge von Ereignissen, sondern als Prozess betrachtet, würde den wichtigsten Eckdaten – 1914, 1918, 1933, 1945, 1970 (Kniefall Brandts in Warschau), 1989 – am liebsten die gleiche Aufmerksamkeit schenken. 1945 ragt in dieser Ereignisfolge als Kulminations- und Wendepunkt allerdings deutlich heraus.

Wann, glauben Sie, wird 1945 vergessen sein?

„Vergessen sein“ wird das Kriegsende 1945 in Deutschland sicherlich nie. Das hat mit den Dimensionen des Krieges, mit der Außerordentlichkeit der Verbrechen des NS-Staates, mit dem Holocaust, der hohen Zahl der Kriegsopfer und dem Grad der Zerstörung von Städten wie Siegen zu tun.

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