Siegener Expertin glaubt: „Deutschland ist offener geworden“

Was wir bereits wissen
Die Pegida-Demonstranten sind eine Minderheit, die Mehrheit steht dagegen hinter der Willkommenskultur, sagt die Siegener Professorin Baringhorst.

Siegen.. Deutschland zeigt ein unfreundliches Gesicht. Wieder einmal sind in Dresden Tausende auf die Straßen gegangen, um gegen Flüchtlinge zu demonstrieren, gegen die vermeintliche „Islamisierung des Abendlandes“. Haben also all die Debatten der vergangenen Jahre über eine Willkommenskultur in Deutschland, über die Notwendigkeit der Integration von Zuwanderern nichts bewirkt?

„Doch“, ist Professor Sigrid Baringhorst überzeugt. Die Politikwissenschaftlerin ist Expertin für Integrations- und Migrationspolitik sowie für politische Partizipationsforschung, insbesondere Protestbewegungen. Seit 2007 ist sie Mitglied im Forschungsbeirat des Bundesamtes für Migration und Integration, seit 2011 Vorsitzende dieses Gremiums.

Reaktionen "Wandel im Selbstverständnis"

„Es gibt einen Wandel im Selbstverständnis, was Deutschsein eigentlich bedeutet“, ist Baringhorst überzeugt. Deutsch – das sei nach der Reform des Staatsangehörigkeitsrechts nicht mehr nur eine Frage der Abstammung. Diese Überzeugung habe sich nicht allein bei politischen Eliten durchgesetzt, sondern in großen Teilen der Bevölkerung, sagt Baringhorst. „Die Mehrheit zieht da mit.“

Die Basis dafür hat wohl auch ein Paradigmenwechsel in der Politik gelegt, auf Bundes-, Landes-, aber auch kommunaler Ebene. In den 80er Jahren, als man Ausländerbeiräte gründete und Integrationsfeste feierte, sei Integration eher ein „rhetorisches Moment“ der Politik gewesen, so Baringhorst. Heute würde sie viel systematischer in den Kommunen betrieben.

Großes Engagement

Dass sich noch mehr Gemeinden Integrationskonzepte geben, so wie die Stadt Arnsberg zum Beispiel, würde sich die Politikwissenschaftlerin wünschen. Ein solches Konzept ist nach Ansicht von Baringhorst mehr als bloße Symbolpolitik: „Es ist eine Rechtfertigung für all diejenigen in der Stadt, die sich für Einwanderer engagieren“, sagt sie.

„Und davon gibt es heutzutage viel mehr als noch in den 90er Jahren“, also zu Zeiten des letzten großen Zuzugs von Asylbewerbern. Die derzeit enorme Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung, das große ehrenamtliche Engagement für Flüchtlinge und Einwanderer auch in Südwestfalen sind ihr ein Anzeichen dafür. Das Land sei viel offener geworden, so Baringhorst. „Die große Mehrheit steht hinter der Willkommenskultur.“

Pegida Willkommenskultur lässt sich nicht verordnen

Und doch kritisiert sie, dass sich die Politik jahrelang allein mit der Frage befasst habe, wie man die Nachteile der Menschen mit Migrationshintergrund ausgleichen könne. Stattdessen müssten alle Bürger Adressaten von Integrationspolitik sein. Durch Bildungsarbeit zum Beispiel sollte auch der Minderheit das neue deutsche Selbstverständnis vermittelt werden. Noch aber fehle in der Politik ein Konzept dafür. Mit Appellen aus Berlin lasse sich die Willkommenskultur nicht verordnen, so Baringhorst.

Dass die Pegida-Bewegung vor allem im Osten Mitläufer findet, hat ihrer Meinung nach zwei Gründe: dass man dort nicht seit Jahrzehnten im Kontakt mit Einwanderern und Muslimen geübt ist. Und dass die Kultur der demokratischen Teilhabe nicht so stark verankert wie im Westen sei. Deshalb sei das Gefühl der Ohnmacht gegenüber den Eliten stärker.