Sie ist 81, er 29 - Die ungewöhnlichste WG in Siegen

Darauf ein Glas selbstgemachten Johannisbeersaft: Kristoffer Klein (29) und Irene Fischer (81) wohnen in einer Hausgemeinschaft in Siegen.
Darauf ein Glas selbstgemachten Johannisbeersaft: Kristoffer Klein (29) und Irene Fischer (81) wohnen in einer Hausgemeinschaft in Siegen.
Foto: Hendrik Schulz
Was wir bereits wissen
Sie ist 81 Jahre alt, er ist 29 Jahre. Die beiden bilden die wahrscheinlich ungewöhnlichste Wohngemeinschaft (WG) in Siegen. Wir haben sie besucht.

Siegen.. Irene Fischer ist herzlich und resolut, malocht im Garten und hat keine Berührungsängste. Außerdem hat die 81-Jährige einen Computer, auf dem Linux läuft. Dabei muss Kristoffer Klein ihr schon mal nicht helfen. Könnte er auch nicht, er kennt das Betriebssystem nicht. Klein ist 29 und nicht ihr Enkel, was naheliegen würde, sondern ihr Mitbewohner. Eher Untermieter. Jedenfalls sind die Seniorin und der Student eine Hausgemeinschaft. So ist jedem geholfen.

Alte Familienfotos an den Wänden

Kristoffer Klein öffnet die Tür – sein Zimmer liegt direkt daneben –, Irene Fischer bittet nach oben. Alte Familienfotos an den Wänden, sie hat die Weihnachtsdeko ausgepackt, auf dem Tisch eine Keksdose – bedienen bitte. Gutes Großmutter-Gebäck. Es gibt selbstgemachten Johannisbeersaft aus der „isländischen Dame“, einer Flasche mit Pullover. Den Überzug hat eine Freundin aus Skandinavien gestrickt, in der Flasche war früher Sherry, das schmeckt man auch. „Sie mögen doch auch Kristoffer.“ Irene Fischer stellt mehr fest, als dass sie fragt. Sie sagt „Sie, Kristoffer“, er „Sie, Frau Fischer“.

Klein hat sein eigenes Zimmer, aber wirklich getrennt sind die Wohnbereiche nicht. Warum hat Irene Fischer einen Fremden im Haus? Freunde haben sie auf den Verein Alter Aktiv aufmerksam gemacht, der Wohnpartnerschaften zwischen Senioren und Studenten vermittelt. Ob das nicht etwas für sie wäre? Ja sicher, dachte sich Irene Fischer, 13 Jahre lebt sie schon alleine und man wird ja auch nicht jünger, ein bisschen Hilfe im Garten könnte nicht schaden.

Plausch beim Keller ausmisten

Dann kamen die Zweifel: Es gibt keine separate Küche. Und wer weiß, wen man sich da ins Haus holt, man muss sich ja vertrauen können. Manchmal lag sie nachts wach und war kurz davor, wieder abzusagen. „Aber man muss auch mal was ausprobieren“, stellt sie fest.

Kristoffer Klein hatte im Radio von dem Konzept gehört. Als die Zusage für die Uni Siegen kam, suchte er im Internet. Er wohnt in Bonn und brauchte ein Zimmer für ein paar Tage die Woche. Der Verein stellte den Kontakt zu Irene Fischer her. Die sagt: „Er war mir gleich sympathisch“. „Das beruht auf Gegenseitigkeit“, wirft Klein ein.

Zusammen den Acker umgraben

Und so saßen sie zusammen und regelten, wie sie zusammenleben werden, die Höhe der Miete, die Zahl der Arbeitsstunden für Klein. „Der Verein bleibt immer Ansprechpartner“, erklärt Klein, wenn es zu Problemen kommen sollte, fungiert er wie ein Schiedsgericht. „Man hat ja auch so seine Macken“, sagt Irene Fischer.

Nun hilft Klein im Garten. „Ich habe gleich gesagt, dass ich keine Ahnung davon habe“, lacht er, aber das braucht er auch nicht. „Er muss nur tun was ich sage“, grinst Fischer vergnügt. Sie graben zusammen den Acker um, schneiden Büsche, entrümpeln den Speicher. „Und erzählen uns was“, sagt Irene Fischer. Zu reden gibt es immer genug. „Wir trinken auch mal ein Bier“, sagt Irene Fischer. „Muss auch sein.“ Fischers Angebot passt perfekt zu Kleins Bedürfnissen. Wenn ihm mal etwas fehlt, hilft Frau Fischer aus, „ist doch klar.“

Professor schläft unterm Dach

Klein studiert Soziale Arbeit, „da darf man sowieso keine Angst vor alten Leuten haben“, aber wieso sollte er auch. Es ist ja nicht so, dass Frau Fischer ständig was von ihm will oder ihn überwacht. Zu Wochenbeginn besprechen sie, was die Woche ansteht, ob er lernen muss oder Klausuren anstehen. Sie sind beide nicht allein, haben jemanden zum Reden und dass zwischen Irene Fischer und Kristoffer Klein über 50 Jahre Altersunterschied liegen – was soll’s denn.

Außerdem ist da noch der Professor, den Irene Fischer einmal pro Woche beherbergt. „Den wollte ich eigentlich kündigen, aber er ist schon zehn Jahre bei mir, jetzt lasse ich ihn unterm Dach schlafen.“

Nur einen Daumen gedrückt

Auf ihre alten Tage weiß Irene Fischer bestens über die Uni Bescheid, von Studenten- und Dozentenseite. „Ich bin mit jungen Leuten alt geworden“, sagt sie und wirkt ziemlich zufrieden dabei.

Inzwischen hat Irene Fischer Sorge, dass ihr Student bald nicht mehr da ist: Er hat sich in Köln beworben, näher am Wohnort. „Einen Daumen drücke ich für ihn, dass es klappt. Und den anderen für mich, dass er bleibt“, sagt sie. „Ich werde furchtbar weinen“, ruft sie, lacht aber erstmal. „Wir haben uns aneinander gewöhnt.“

Man wohnt nicht allein

Auch ihr Untermieter würde sofort wieder in so eine WG ziehen. „Man spart Miete und wohnt nicht allein“, sagt Klein. Als Mann vom Fach nehme Alterseinsamkeit zu, weiß er. Gleichzeitig fassen junge Leute beruflich immer später Fuß – Generation Praktikum. Vielleicht ist Mehrgenerationenwohnen die Zukunft. Bei Irene Fischer und Kristoffer Klein funktioniert das ganz ausgezeichnet.