Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist noch immer ein Tabuthema

Susanne Backhaus und Ingrid Kurzeja von der Frauenberatungsstelle in Siegen. Rund 600 Mädchen und Frauen suchen hier pro Jahr Hilfe.
Susanne Backhaus und Ingrid Kurzeja von der Frauenberatungsstelle in Siegen. Rund 600 Mädchen und Frauen suchen hier pro Jahr Hilfe.
Foto: WP
Nur etwa fünf Prozent aller Frauen, die Opfer sexueller Gewalt werden, suchen sich Hilfe. Die Frauenberatungsstelle in Siegen kämpft gegen die Gründe.

Siegen.. Die Unterführung ist dunkel. Schummriges Licht flackert, die Schritte hallen laut von den Wänden wider. Ein typischer Angstraum von Frauen, wie ihn Ingrid Kurzeja beschreibt. Sie arbeitet für die Frauenberatungsstelle in Siegen, genauso wie ihre Kollegin Susanne Backhaus. Beide räumen mit einem Mythos auf: „Die meisten Übergriffe finden im sozialen Nahraum statt. Auf Partys mit Freunden oder der Familie.“ Nicht im dunklen Wald oder eben der Unterführung.

Jede siebte Frau in Deutschland hat schon sexualisierte Gewalt erfahren, sagt Ingrid Kurzeja. Nur fünf Prozent der Opfer suchen sich Hilfe. 7000 bis 8000 Mädchen und Frauen erstatten Strafanzeige. Die Spitze des Eisbergs. Frauen fühlen sich belästigt, wenn sie auf der Straße taxiert werden oder der Kollege bei der Arbeit einen anzüglichen Kommentar zum neuen Rock macht. Bis zur strafrechtlichen Belästigung fehlt oft nicht viel.

Die Gesellschaft muss sich ändern

An die Frauenberatungsstelle in Siegen wenden sich rund 600 Mädchen und Frauen im Jahr. „Das Einstiegsthema ist oft ein anderes als das Thema, das dann an die Oberfläche kommt“, sagt Susanne Backhaus. Das können Essstörungen oder Depressionen sein, hinter denen Erlebnisse von früher stecken. Die Hemmschwelle, über erfahrene sexualisierte Gewalt zu reden, ist hoch.

Ingrid Kurzeja und Susanne Backhaus bauen in Beratungsgesprächen eine Vertrauensbasis auf. Erst dann öffnen sich die Frauen. Susanne Backhaus: „Die Frauen müssen von dem Gefühl wegkommen, dass sie selbst Schuld sind.“ Viele Frauen schämen sich. Sie fragen: Was hatte ich an? Wo war ich? Habe ich etwa provoziert? Auszeichnung

Dass die Missbrauchsopfer sich mitschuldig fühlen, liegt für Ingrid Kurzeja und Susanne Backhaus an gesellschaftlichen Strukturen. „Missbrauch ist ein hoch tabuisiertes Thema“, sagt Susanne Backhaus. Wie die Psyche auf einen Angriff reagiert, ist nicht vorhersehbar. Dass Missbrauchsopfer sprachlos sind und erstarren, versteht die Gesellschaft nicht, fügt Ingrid Kurzeja hinzu. Die Beraterinnen wünschen sich mehr Verständnis: „Dass Missbrauchsopfer nach einem Übergriff nicht auffallen wollen, sich normal verhalten, wird vom Gericht oft als Unglaubwürdigkeit eingestuft“, erklärt Susanne Backhaus. Die Opfer streben oft nur nach Normalität, um mit den Erlebnissen umzugehen

Die Angst vor Konsequenzen verdammt zum Schweigen. Besonders im familiären Bereich oder auf der Arbeit. Ingrid Kurzeja: „Wird der Chef übergriffig, fragen sich die Opfer, was sie ertragen müssen.“ Meist wird geschwiegen, um den Job oder die „heile Welt nicht infragezustellen“.

Schuld hat allein der Täter

Um den Täter rankt sich ein weiterer Mythos. „Die Täter sind nicht die unbekannten Monster, sondern normale Menschen, die neben uns leben“, erklärt Susanne Backhaus. Der Kollege, der Freund der Eltern oder sogar der eigene Partner. Mit Sex hat das nur am Rande zu tun. „Täter sind meist aggressive Menschen, die sich der Sexualisierung bedienen, um Macht auszuüben.“

Nur ein Wandel in der Gesellschaft könne Missbrauchsopfer bewegen, über das Erlebte zu sprechen. Wenn sie keine Angst mehr haben müssen, eine Mitschuld zugeschrieben zu bekommen – an einer Tat, die vom Täter allein begangen wurde. Ingrid Kurzeja: „Und wenn sie nackt auf dem Tisch getanzt hat. Niemand zwingt den Täter, sie später anzufassen.“

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