Schritt für Schritt zu mehr Barrierefreiheit

Michael Stötzel, Petra Melchert, Gudrun Roth, Heinrich Honerkamp, Helga Hein, Paul Roth, EvaFotos:Steffen Schwab
Michael Stötzel, Petra Melchert, Gudrun Roth, Heinrich Honerkamp, Helga Hein, Paul Roth, EvaFotos:Steffen Schwab
Foto: WP

Hilchenbach..  Tausch doch mal! Drei Mal hat die Gruppe, die sich nun schon im siebten Jahr für Barrierefreiheit in Hilchenbach einsetzt, Menschen ohne Handicap gebeten, sich im Rollstuhl durch die Stadt zu bewegen oder die Brille aufzusetzen, die mit einem Mal 85 Prozent der Sehkraft wegschluckt. Die Sparkassen-Vorstände blieben vor der eigenen Tür hängen, die Mädchen der Realschule im Drehkreuz des Discounter-Eingangs. „Die wurden richtig böse“, erinnert sich Angelika Hoffmann-Völkel an die Szene. Inzwischen gibt es vor der Sparkasse einen Aufzug und im Gerberpark Einkaufswagen, die an den Rollstuhl andocken können.

Listen für Gastronomie und Läden

Außerdem: Weiße Markierungen auf den Rathausstufen, ein tiefer gehängter Briefkasten, ein Stadtplan mit Hinweisen, welche Gebäude, Parkplätze, Toiletten und Wege für welches Handicap — nicht — geeignet sind. „Es sind halt kleine Schritte“, sagt Gudrun Roth, die Beauftragte der Stadt für bürgerschaftliches Engagement. Aber Schritte, die die ehrenamtliche Gruppe selbst mit Waffelbackaktionen bezahlt hat oder für die sie Förderer wie zum Beispiel die Helberhäuser Bärengruppe gewonnen hat.

„Hinkommen, reinkommen, klarkommen“, zitiert Gudrun Roth den Dreiklang der Barrierefreiheit, den der Arbeitskreis auch mit einem Führer durch die Hilchenbacher Gastronomie umgesetzt hat — nach sehr genauem Hinsehen: „Man kommt vielleicht rein, aber noch lange nicht auf die Toilette.“ Gerade in Arbeit ist eine zweite Liste, in der es ums Einkaufen geht.

Jede Menge Expertenwissen

Jede Menge Expertenwissen hat sich am Tisch versammelt, an dem Bilanz gezogen wird, Defizite beschrieben und Wünsche formuliert werden.

„Wenn man erst einmal mit dem Rollator unterwegs ist, merkt man, wo es überall hakt.“ (Helga Hein)

Die Hilchenbacherin wohnt am Kirchweg, der vom Markt abzweigt: Kopfsteinpflaster, in dem die Räder hängenbleiben, kein Bürgersteig, nur an einer Seite ein Geländer: „Mit dem Rollator kommt man da gar nicht rauf.“

„Da hat auch keiner in den ganzen Jahren des Steuer rumgerissen.“ (Paul Roth)

Der Altbürgermeister ist nach 16 Jahren in der Partnergemeinde Arendsee nach Hilchenbach zurückgekehrt und findet die alten Probleme wieder: „Die Parkverhältnisse sind katastrophal, der Fußgänger hat keine Chance.“ Das Versäumnis lastet der heute 86-Jährige der eigenen Politik-Generation an: Den Marktplatz autofrei machen zu wollen, „das war ein Fehler.“ Nun gibt es ein Pflaster, mit dem Gehbehinderte außerhalb nachträglich eingebauter Querungshilfen nicht zurecht kommen. Und keine Geschäfte mehr. „Die Ratsherren wollten, dass ihre Frauen dort flanieren“, lacht Roth über die in den 1980er Jahren geführte Debatte.

„Wichtig sind Arbeitsplätze ohne Nebengeräusche.“ (Michael Stötzel)

Das Busch-Theater hat eine Tonübertragungsanlage für Hörgeschädigte, der Ratssaal Lautsprecher. Hören bedeutet aber noch nicht verstehen können, erklärt Stötzel, warum es wichtig ist, Nebengeräusche wegzufilten. Die Anschaffung einer mobilen Induktionsschleife, die von Schreibtisch zu Schreibtisch wandern kann, hat der SPD-Stadtverordnete dem Bürgermeister vorgeschlagen. Michael Stötzel, der 2004/05 ertaubte, verdankt dem Cochlear-Implantat, wie er sagt, seine „akustische Wiedergeburt.“

„Andauernd schicken die die alten Busse.“ (Heinrich Honerkamp)

Mit dem Rollstuhl ist Honerkamp auf Niederflurfahrzeuge angewiesen. Am besten wäre es, wenn die an erhöhten Bordsteinen andocken könnten. Selbst an der Neurologie-Klinik an der soeben ausgebauten Ferndorfstraße gebe es solche Haltestellen nicht. „Dafür in Hadem, wo kein Mensch einsteigt.“

„Es geht nicht nur um bauliche Fragen. Es geht um Offenheit für Verschiedenheit.“ (Eva Konieczny)

Die Hilchenbacherin, von Geburt an im Rollstuhl, ist nach Kreuztal gezogen. „Da kann man besser zu Fuß einkaufen.“ Die Sozialarbeiterin arbeitet am Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste an der Siegener Uni, wo gerade ein landesweites Inklusionskataster entsteht. Ihre Bachelorarbeit hat sie über ein „Barrierefreies Hilchenbach“ geschrieben, die Masterarbeit über das „Peer Counseling“, also die Beratung von Menschen mit Behinderung durch Menschen mit Behinderung. In Arbeit ist die Doktorarbeit über politische Teilhabe im europäischen Vergleich: „Da sind die skandinavischen Länder Vorreiter.“ Ihre Einschätzung des Hilchenbacher Projekts: „Der Arbeitskreis hat das Potenzial, etwas zu bewirken.“

„Die Barrierefreiheit des einen ist die Barriere des anderen.“ (Petra Melchert)

Die Sozialarbeits-Studentin hat für das Inklusionskataster an der Gebäudeerfassung der Rathäuser in Siegen, Netphen und Hilchenbach mitgearbeitet. Sie weist darauf hin, dass zum Beispiel abgesenkte Bordsteine Rollstuhlfahrern helfen, für Sehbehinderte aber eine Gefahr sind, wenn der Boden nicht zugleich mit einem ertastbaren Leitsystem versehen wird.

Ausstellung und Einkaufs-Liste

In diesem Jahr wird der Arbeitskreis die Liste fürs barrierefreie Einkaufen veröffentlichen, außerdem denkt er über eine weitere Tausch-doch-mal-Aktion nach. Eine Ausstellung im Rathaus stellt das Leben mit Handicap in Hilchenbach dar.

Die Stadt wird das im Rathaus-Obergeschoss untergebrachte Rollstuhl-WC und den Aufzug dorthin modernisieren.