Schreckensbilder aus Burbach ähneln Aufnahmen in Guantanamo

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Was wir bereits wissen
Die Misshandlungsbilder aus der Flüchtlingsunterkunft in Burbach ähneln in verstörender Weise Aufnahmen aus den Gefangenlagern Guantanamo oder Abu Ghuraib. Diesmal aber zeigt sich das Grauen nicht tausende Kilometer weit weg, sondern im Siegerland. Prof. Dr. Peter Matussek vom Lehrstuhl für Medienästhetik der Uni Siegen erläutert die Wirkung von Schreckensbildern.

Burbach/Siegen.. Im Flüchtlingsheim der ehemalige Siegerlandkaserne in Burbach haben private Sicherheitskräfte einige Bewohner der Notunterkunft misshandelt, erniedrigt und gequält. Die Gewaltexzesse sollen, so die Polizei, vermutlich länger als zwei Wochen gedauert haben. Ein 15-sekündiges Video zeigt einen Flüchtling auf einer Matratze mit Erbrochenem. Zwei Wachmänner dahinter drohen diesem Gewalt an. Man hört im Video eine Stimme und die Worte: "Los, legt dich jetzt in deine Kotze."

Polizei und Staatsanwaltschaft veröffentlichten bei einer Pressekonferenz in Hagen ebenfalls ein Handy-Foto: Darauf zu sehen sind ein bäuchlings am Boden liegender Mann und zwei grinsende Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes. Einer der Männer stellt seinen Fuß auf den Nacken des gefesselten Opfers. "Das sind Bilder, die man sonst nur aus Guantanamo kennt", sagte der Hagener Polizeipräsident Frank Richter. Das Grauen gewaltsamer Übergriffe ist nicht irgendwo in der Welt geschehen, sondern im Siegerland passiert. Bilder, die schockieren. Über ihre Wirkung sprachen wir mit Prof. Dr. Peter Matussek vom Lehrstuhl für Medienästhetik der Uni Siegen

Haben Schreckensbilder immer die gleiche Wirkung auf Betrachter?

Nein. Normale Reaktionen wären zwar Empörung, Ekel oder Abscheu, wie Prof. Dr. Peter Matussek vom Lehrstuhl für Medienästhetik der Uni Siegen erklärt. Da wir in unserem Alltag aber gehäuft mit solchen Bildern konfrontiert werden, gewöhnen wir uns daran. „Wenn Sie einen Reiz immer wieder wiederholen, schaltet das Gehirn ab – etwas, das uns beunruhigen sollte, beunruhigt uns nicht mehr“, sagt Matussek. Prinzipiell ist das nicht verkehrt, denn es ist ein Schutzmechanismus der Natur, der beispielsweise auch bei einer dauerhaften Geräuschkulisse greift: Der Lärm wird ausgeblendet. Kehrseite der Medaille ist allerdings eine Abstumpfung gegenüber bestimmten Reizen.

Ist ein Bildinhalt an sich „gut“ oder „böse“?

Ein Bild ist zunächst einmal ein Bild. „Unsere Sinne sind nicht geschaffen, um Dinge moralisch zu bewerten – sondern nach angenehm oder unangenehm zu unterscheiden“, erläutert Matussek. Eine moralische Beurteilung fällt der Betrachter dann erst auf Grundlage von Erziehung, Sozialisation, Nachdenken – und Einordnung in seinen bisherigen Erfahrungsschatz und sein Weltbild.

Wirken Schreckensbilder, die in der Nähe des eigenen Wohnorts entstanden sind, intensiver auf Menschen?

Das jeweilige Bild als solches ist gegeben und steht zunächst für sich. „Ob nah oder fern spielt grundsätzlich eigentlich keine Rolle“, so der Wissenschaftler. Die Verortung bringt aber eine zusätzliche Ebene ein, die eine Aufnahme mit weiteren Dimensionen auflädt. „Das Bild an sich macht es nicht – aber das Bild in einem unerwarteten Kontext“, führt Matussek aus. Misshandlungsbilder wie diejenigen aus Burbach verbinden wir mit gänzlich anderen Zusammenhängen. „Wir denken: Das gehört in den Kontext Hexenkessel Naher Osten – aber doch nicht nach Burbach!“, sagt der Experte. Die Irritation sprengt unser gewohntes Muster, „und damit müssen wir umgehen“.

Birgt die Abstumpfung gegen Gräuelaufnahmen Gefahren?

Das ist zu befürchten, zumal „in einer Zeit, wo alle möglichen Gruppierungen nach Aufmerksamkeit drängen“, sagt Matussek. Terroristen wie etwa die IS-Mitglieder setzen gezielt Schreckensbilder zur Außendarstellung ein – und je abgestumpfter eine medial geprägte Öffentlichkeit ist, um so drastischer müssen die Inhalte sein, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden und Reaktionen hervorzurufen. Von dieser gesamtgesellschaftlichen Dimension abgesehen gibt es aber auch eine individuelle Seite. „Wenn die Abstumpfung sehr stark ist, sollte man sich schon fragen, welche Art von Medienkonsum man den üblichen Gewohnheiten entgegensetzen kann“, so Matussek.