„Sanfte Jagd” statt Dauerstress
26.06.2008 | 20:00 Uhr 2008-06-26T20:00:00+0200
Seit „Kyrill” ist alles anders: Die Wälder sind gelichtet, die Landschaft wird transparenter. Vor allem auf das Wild und seinen Lebensraum hat sich der Orkan des 18. Januar 2007 ausgewirkt. Die Forstbehörde Siegen-Wittgenstein will diesen veränderten Bedingungen Rechnung tragen.
Auf den geräumten Sturmflächen im 6000 Hektar großen Staatsforst finden Schwarz-, Rot- und Rehwild einen reich gedeckten Tisch: Große Gebiete werden von der Natur zurückerobert und bringen neue, junge Pflanzen dorthin, wo vielleicht vorher ein dichtes Dach aus Fichten Schutz bot. Das ist die Kehrseite des neuen Waldes: Die „Deckung” ist weniger geworden. Kyrill-Flächen werden im Forstbezirk Lahnhof, der das Gebiet um das Informationszentrum Waldland Hohenroth umfasst, jetzt vorbeugend um solche Äsungsflächen ergänzt, wie es Dr. Michael Petrak von der Forschungsstelle für Jagdkunde in Bonn vorschlägt. Revierförster Oliver Schmitt hat 20 Weiden mit einer Gesamtgröße von 15 Hektar anlegen lassen. Dort, so Regionalforstdirektor Diethard Altrogge, werde auf keinen Fall gejagt. Jagd ist auch weiterhin im Staatsforst notwendig, um die Wirtschaftlichkeit des Waldes zu erhalten. Eine halbe Million Euro erlöst das Regionalforstamt jährlich aus der Forstwirtschaft; rund 150 000 Euro bringen Pachten und der Verkauf von Wildbret: Einnahmen, die vorgegeben sind. Nun aber will das Regionalforstamt in seinem Bereich neue Wege einschlagen, die mit „Sanfte Jagd” umschrieben werden. So sollen künftig weniger Einzeljagden stattfinden, um die Tiere vor „Dauerstress über viele Monate” zu bewahren, wie es Diethard Altrogge ausdrückt. Statt dessen werden künftig verschiedene Formen einer zielgerichteteren Gemeinschaftsjagd praktiziert. Sie bringt zwar große Gruppen von Jägern in die Wälder, die „hohe Strecken” (erlegtes Wild) zum Ergebnis haben. Aber: „Nur noch an wenigen Tagen in der Jagdsaison”, wie Revierförster Oliver Schmitt sagt. Dazu fand im Waldinformationszentrum Forsthaus Hohenroth eine Fachtagung statt, auf der Jagdexperten die Methode der „sanfteren” Jagd erläuterten. 16 Forstbeamte und 24 Jagdpächter oder Jäger nahmen daran teil. Im Prinzip wird sich auch durch die so genannte „sanfte” Bejagung ihr Handwerk nicht sehr verändern: Die Regulierung der Wildbestände bleibt weiterhin bestimmt von Büchsenknall, Hundegebell und Hornsignal. Doch mehr Effektivität soll mit dem neuen Konzept der Gemeinschaftsjagd Einzug halten: „In kurzer Zeit erfolgreich und ohne ständige Beunruhigung”, wie es sich das Regionalforstamt vorgenommen hat. Ab 2009 sollen zudem nur noch Jäger zu den vom Forstamt veranstalteten Jagden zugelassen werden, die ihre Befähigung nachweisen können, flüchtiges Wild zielsicher zu treffen. Die Jagdzeit wird begrenzt; von Mitte Juni bis Mitte Juli ist Jagdruhe. Nach Kyrill ändert sich aber auch für Wanderer einiges. Mit dem Touristikverband Siegerland-Wittgenstein soll im Herbst ein neues Konzept vorgestellt werden. Demnach wird ein „hoher Prozentsatz” des vorhandenen Wanderwegenetzes eingezogen. Laut Forstamtschef Diethard Altrogge bleiben dem Publikum solche Wege erhalten, die das Wandern zu einem Naturerlebnis machen. Das kann dadurch geschehen, dass Täler nur einseitig begehbar sind oder nachts nicht mehr so viel Wanderaktivitäten zugelassen sind. Durch Weggestaltung sollen die Menschen „sanft gelenkt werden”. Auch das schont Wild und Wald.
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