Russischer Abend mit Wieland Satter

Wieland Satterverband in seiner Interpretation der russischen Gesänge Sprachklang und Musik.
Wieland Satterverband in seiner Interpretation der russischen Gesänge Sprachklang und Musik.
Foto: Wolfgang Leipold
Was wir bereits wissen
Ein komplett russisches Programm bot die Philharmonie Südwestfalen im Apollo-Theater – unterstützt von einem ausdrucksstarken Bass.

Siegen..  Tenöre sind es gewohnt, dass ihnen die Herzen der Klassik-Liebhaber zufliegen. Pavarotti, Carreras und Co. haben ganze Fußballstadien gefüllt. Dagegen führen Bässe eher ein Schattendasein, was auch daran liegt, dass für Tieftöner deutlich weniger komponiert wurde. Modest Mussorgskys „Lieder und Tänze des Todes“ gehören zum Anspruchsvollsten und Ausdrucksstärksten, was je für Bassisten geschrieben wurde. Und da bedarf es eines ganz großen Künstlers, diesen Liederzyklus zu interpretieren: Wieland Satter.

Dramatische Episoden

Es sind vier dramatische Episoden, bei denen der Tod, der in Russland weiblich ist, jeweils in einer anderen Gestalt auftritt. Wieland Satter singt die Lieder in der russischen Originalsprache, die er gut beherrscht – seine Frau ist Russin. Satters Interpretation, in der er Sprachklang und Musik verbindet, macht eine Übersetzung entbehrlich. Dabei muss er in die Rolle einer verzweifelten Mutter schlüpfen, die ihr fieberndes Kind in den Tod singt, und dann wieder ein betrunkenes Bäuerlein spielen, das sich im Schneesturm verirrt und erfriert.

So wird er als Sänger zum Geschichtenerzähler, im Pianobereich geheimnisvoll, fast lyrisch, im Fortissimo dramatisch kraftvoll, sodass seine Stimme bis in die letzte Reihe des voll besetzten Theaters dringt. Und zwischendurch holt er Luft, als wollte er den Baikalsee mit einem Schluck austrinken. Satter begleitet seinen Gesang mit sparsamer Gestik und intensiver Mimik, nie gekünstelt, immer dem Inhalt der Lieder dienend.

Dmitri Schostakowitschs 4-sätzige Suite aus „Moskau Tscherjomuschki“ thematisiert den Aufbau einer Neubausiedlung am Rande Moskaus und entstand 1958. Tänzerische, leicht beschwingte und walzerhafte, an Wiener Neujahrskonzerte erinnernde Melodien wechseln sich ab. Besonders beeindruckend: Ein Duett von Saxofon und Trompete, das von Harfenklängen zart begleitet wird. Schostakowitsch ist der vielseitigste und modernste der drei Komponisten des Abends mit vielen Anknüpfungen an Jazz und Filmmusik.

Alexander Borodin, ein Zeitgenosse Mussorgskys, führte ein Doppelleben. Er war Musiker und Komponist, daneben aber Chemiker, Universitätsprofessor und Arzt, denn von der Kunst allein konnte man damals nicht leben. Borodin drückt die russische Seele am intensivsten aus. Schwermütige, tiefklingende Akkorde wechseln sich ab mit sanften Klängen, die sich durch alle Instrumentengruppen ziehen, bis sich dann schönste Melodien in einem großen Fluss vereinigen. Auch das macht die Musik Russlands aus: Vieles überrascht, ist unvorhersehbar und voller Kontraste. Alles aber eint: Sie endet immer sehr laut, dramatisch, pompös.

Und sie braucht den dazu passenden Dirigenten. Das ist der Lette Atvars Lakstigala in hohem Maße. Durch seine in jeder Sekunde des Konzerts spürbare Präsenz, seine Körperspannung und die präzisen Einsätze kann Dirigieren auch mitten im Winter eine schweißtreibende Beschäftigung sein. Besser gesagt ein Vergnügen, denn bei der konzentrierten Spielfreude der Musiker der Philharmonie Südwestfalen ist Dirigent einer der schönsten Berufe der Welt.

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