Rückblick auf traurige Geschichte
27.01.2012 | 18:20 Uhr 2012-01-27T18:20:00+0100
Kreuztal. Sechs Generationen von Menschen jüdischen Glaubens folgten im Amt Ferndorf aufeinander, seit sich 1797 die Familie Moses in Burgholdinghausen niederließ. Neun zuletzt in Littfeld und Krombach lebende Nachkommen wurden in ein Todeslager der Nazis deportiert. Bekanntestes Mitglied der kleinen jüdischen Gemeinde ist Fred Meier, der im Alter von drei Jahren im Februar 1943 mit seiner Mutter nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet wurde.
Spurensuche in Israel und Russland
136 Jahre lang waren Juden und Nichtjuden weitgehend friedlich miteinander ausgekommen. Dann folgten zehn Jahre nationalsozialistischer Herrschaft, in denen ihnen das Leben zur Hölle gemacht wurde. Dies hat der Siegener historiker Dieter Pfau jetzt im 1. Band der neuen Reihe „Kreuztaler Rückblicke“ zusammengefasst.
„Die Geschichte der Juden im Amt Ferndorf“ entstand in enger Zusammenarbeit mit Kreuztals Stadtarchivarin Ria Siewert, die ihren „erstaunlichen“ Fundus (so Dieter Pfau) an Originaldokumenten aus der Zeit von 1933 bis 1945 in der Gelben Villa in Dreslers Park geöffnet hat.
Das ist auch für die Stadt Kreuztal ein wichtiges Anliegen, wie Bürgermeister Walter Kiß am Freitag bei Vorstellung des 224 Seiten starken Buches sagte: „Mit dem Archiv wollen wir aktiv nach draußen gehen.“ Dort sind die Enteignungslisten, Zeugnisse kleinlicher Schikanen und schließlich auch — wenigstens teilweise – Wiedergutmachungsanträge der Juden des Amtes Ferndorf oder ihrer Nachkommen dokumentiert.
Dieter Pfau bediente sich aber auch der Akten im Staatsarchiv Münster und forschte sogar bis nach Russland und Israel, um Spuren der durch Willkür aus ihren Lebens- und Arbeitsbedingungen gerissenen Menschen zu finden. Zwei Jahre haben Pfau und Siewert an der Geschichte der Juden im Amt Ferndorf gearbeitet; erste Ergebnisse waren im November 2010 in einer Ausstellung in Littfeld zu sehen.
Danach sei aber noch viel Material dazugekommen, um diese „wichtige Aufarbeitung der Stadtgeschichte“ zu erstellen, die laut Bürgermeister Walter Kiß vor allem eine „traurige Geschichte“ ist. Das Buch soll dazu dienen, alle Fakten in Form zu gießen und für die Nachwelt zu erhalten, betonte Kiß.
Alt-Nazis auch nach 1945 uneinsichtig
Untertitelt ist das Buch mit einem Zitat, das an Zynismus kaum zu überbieten ist. Es war im Juni 1948, als der während der NS-Zeit als Bürgermeister von Littfeld amtierende Willi Groos im Rahmen seines Entnazifizierungsverfahrens mit wenigen Worten die Uneinsichtigkeit der alten Nazis auch nach der Befreiung durch die alliierten Mächte bestätigte: „Den Juden hier ist aber kein Leid zugefügt worden.“ Das kleinliche Geschacher vieler Mit-Bürger der jüdischen Familien um deren Hab und Gut ist dank der Protokollierungswut in den Amtsstuben des Amtes Ferndorf indessen nachzuvollziehen. Allerdings gibt es auch Hinweise, dass rechtzeitig Akten vernichtet wurden, die das ganze Ausmaß der „Judenpolitik“ auch im Amt Ferndorf bewiesen hätten. Geleitet wurde die Amtsverwaltung von Dr. Erich Moning, der sich bei der Umsetzung der Vorgaben der braunen Machthaber keinerlei Zurückhaltung auferlegte.
Dieter Pfau kündigte daher schon an, dass es im Nachgang zum ersten Buch auch darum geht, Monings Rolle genauer zu beleuchten. Der wurde schon 1946 zum Siegener Oberkreisdirektor gewählt. Ungeachtet seiner Rolle vor 1945 führt auch heute noch eine nach ihm benannte Straße zur katholischen Grundschule.
0mitdiskutieren