Rosina wird ein Fall für Juristen

Kameramann Peter Thomas filmt und fotografiert bei der Grabung im Rosina-Stollen, der sich im Sommer 2014 als der älteste nachgewiesene Bergbau des Siegerlandes erweist.
Kameramann Peter Thomas filmt und fotografiert bei der Grabung im Rosina-Stollen, der sich im Sommer 2014 als der älteste nachgewiesene Bergbau des Siegerlandes erweist.
Foto: Deutsches Bergbau-Museum Bochum/Peter Thomas

Kreuztal..  Das Montanensemble Heinrichssegen-Victoria: Spuren des Bergbaus aus der Neuzeit, Pingenfelder, der Damm der Bremsbahn, mit der die Erze transportiert wurden, Halden. Dann, beim Maschinenschacht der Victoria, die Spuren des Mittelalters — über den Rosina-Schacht ist Archäologen im vorigen Sommer der Nachweis des bisher ältesten Bergbaus im Siegerland gelungen.

Schon im 13. Jahrhundert wurde hier über einen Stollen Silbererz aus dem Berg geholt. Schließlich die Halden mit Relikten aus der Eisenzeit, die Wissenschaftler zu Korrekturen bisheriger Annahmen führen. Doppelt so groß müssen Historiker künftig das Siegerländer Revier um 400 vor Christus auf ihrem Landkarten eintragen.

Bewirtschaftung wird aufwändiger

Der Kreuztaler Rat befasste sich jetzt mit dem neuen Forschungsstand, der das Ensemble im Burgholdinghausener Wald deutschlandweit fast einzigartig macht, weil andere Gruben aus dem Hochmittelalter, zum Beispiel in Sachsen, im Schwarzwald und im Harz, kleiner oder gar nicht mehr erforschbar sind. Öffentlich sei all das kaum bekannt, meinte Dieter Gebauer (Grüne): Er regte an, die Fundstellen auch für das Publikum zu markieren und einen Dokumentationspfad anzulegen. Doch das wird wohl eine Vision bleiben. „Da sind wir genau bei den Befürchtungen des Eigentümers“, sagte Bürgermeister Walter Kiß.

Die Bergrechte gehören den Barbara Rohstoffbetrieben, Rechtsnachfolgern der Erzbergbau Siegerland AG – sie fürchten erheblichen Sicherungsaufwand für die Schächte, Stollen und Mundlöcher. Schon den Archäologen des Landschaftsverbandes und des Deutschen Bergbaumuseums hatte das Unternehmen im vorigen Jahr für die Rettungsgrabung nur ein kleines Zeitfenster zugebilligt, bevor Rosina, die in 60 Meter Tiefe führt, wieder versiegelt wurde. Das Waldgelände selbst ist Privatbesitz der Burgholdinghausener Forstverwaltung – sie will Einschränkungen bei der Waldbewirtschaftung vermeiden. Die sei tatsächlich „vielleicht nicht mehr ganz so einfach möglich“, räumte Stadtbaurat Eberhard Vogel ein. Wenn das Ensemble unter Denkmalschutz gestellt werde, dürfte die Bremsbahn nicht mehr für die Holzabfuhr genutzt werden.

Stadt hat keinen Spielraum

Das darf sie auch jetzt schon nicht mehr, denn die Stadt Kreuztal hat Heinrichssegen-Victoria schon im Oktober 2014 vorläufig unter Schutz gestellt, als die historische Bedeutung des Gebietes, das teilweise auch unter Naturschutz steht, offenkundig wurde. „Im Denkmalschutz kommt man am weitesten, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen“, sagte Jochen Schreiber (SPD), der von einer „unangenehmen Situation“ sprach. Denn der Vorgang liegt längst bei Anwälten und Justiziaren.

Die Stadt versuche, Lösungen zu finden, sagte Stadtbaurat Vogel. Einschränkungen habe der Eigentümer aber „durchaus hinzunehmen“. Karl-Heinz Schleifenbaum (SPD) zeigte Verständnis für den Widerspruch: „Erhebliche wirtschaftliche Nachteile“ kämen auf den Eigentümer zu. Andererseits gebe es die Pingenfelder allein in Littfeld „zu Dutzenden“. „Wir werden das Verfahren nicht umwerfen“, sagte Arne Siebel (CDU), die Stadt habe „wenig Spielraum“, wenn der Landeskonservator den Denkmalwert eines Objekts einmal festgestellt habe. „Man sieht nur nicht mehr ganz so viel“, bedauerte Siebel. Dass das Gelände nicht schon vor 40 Jahren gesichert worden sei, sei „eigentlich schade“.

Die Eintragung in die Denkmalliste beschloss der Rat einstimmig, wohl wissend, dass das nicht das letzte Wort ist: „Das wird juristisch geklärt“, sagte Bürgermeister Kiß voraus.

Heinrichssegen und Victoria

Die spätere Grube Heinrichssegen wird erstmals 1663 als Grube Plätze erwähnt. 1737 wird die zwischenzeitlich eingestellte Förderung unter Bergmeister Johann Heinrich Jung neu aufgenommen, nach ihm wird die Grube 1820 umbenannt. In der Blütezeit um 1862 arbeiteten 210 Bergleute in der Erzgrube. 1909 wurde der Betrieb von der Grube Victoria übernommen, 1927 wurde Heinrichssegen stillgelegt.

Die Grube Victoria bestand von — spätestens — 1663 bis 1927. 1900 hatte sie 201 Belegschaftsmitglieder. Eine zweigleisige Schleppbahn verband Schacht und Aufbereitungsanlage, eine Schmalspurbahn die Aufbereitung mit dem Littfelder Bahnhof. Die Flotationsanlage, in der Erz aus dem Bodensatz der Schlammteiche gewonnen wurde und in der alle Siegerländer Kupfererze aufbereitet wurden, stand bis 1964.

Rosina, der zu den Spuren des 13. Jahrhunderts führende Schacht, trägt den Namen der Rosina von (Burg-)Holdinghausen. Die heiratete 1681 den Freiherrn Johann Philipp von und zu der Hees. 1785/86 übernahmen die Freiherren von Fürstenberg zu Herdringen den Burgholdinghausener Besitz, der seit 1936 der Unternehmerfamilie Woeste aus Düsseldorf gehört; Albrecht Woeste war Chef des Henkel-Konzerns.